ÖGN Facharztausbildungsseminar Wintersemester 2018 - AUSGEBUCHT! — 22.11. - 24.11.2018

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Welt-Schlaganfall-Tag 24. 10. 2018

Nie zu früh, nie zu spät: Schlaganfall-Prävention ist in jedem Alter ein Thema





Statement OÄ Doz. Dr. Julia Ferrari, Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien.

PK zum Welt-Schlaganfall-Tag; 24. 10. 2018, Michl’s Social Club, Wien





Schlaganfällen kann in vielen Fällen vorgebeugt werden. Eine entsprechende Lebensstilumstellung senkt zugleich auch die Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen und vaskuläre Demenz.

Ein erheblicher Anteil der rund 24.000 jährlichen Schlaganfälle in Österreich wäre vermeidbar. In den meisten Fällen lassen sich die Risikofaktoren bereits lange vor dem Schlaganfall identifizieren. Sie sind beeinflussbar durch eine konsequente Behandlung und die Umstellung auf einen gesunden Lebensstil. Die gute Nachricht aber: Wir können anhand des Österreichischen Stroke Unit Registers zeigen, dass sich das mittlere Schlaganfall-Alter über die letzten Jahre immer weiter in das höhere Lebensalter verschiebt.

Wie die INTERSTROKE-Studie zeigt, sind zehn Risikofaktoren für 90 Prozent aller Schlaganfälle weltweit verantwortlich: Bluthochdruck, Bewegungsmangel, ungünstige Blutfettwerte, Ernährung, das Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang, Rauchen, psychosoziale Faktoren, Alkohol, kardiale Erkrankungen und Diabetes.

Kein Rückgang der zentralen Risikofaktoren in Österreich

Das seit Jahren geführte „Stroke Unit Register“ liefert uns Daten von mehr als 150.000 Schlaganfällen. Dadurch sind wir in der Lage, die wichtigsten Risikofaktoren in Österreich zu erkennen: 79 Prozent aller Betroffenen hatten einen zu hohen Blutdruck. 54 Prozent wiesen ungünstige Blutfettwerte auf. Vorhofflimmern war bei 26 Prozent bekannt oder wurde neu diagnostiziert. 18 Prozent waren Raucherinnen bzw. Raucher. Vom Rauchen abgesehen sind diese Haupt-Risikofaktoren in den letzten Jahren leider kaum zurückgegangen. Für eine verbesserte Schlaganfall-Prävention muss daher verstärkt auf Aufklärung gesetzt werden.

Was das Schlaganfallsrisiko senken könnte

Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die nachweislich die Zahl der Schlaganfälle senken kann:

Die konsequente Umsetzung von fünf Lebenstilmaßnahmen (Nikotinkarenz, BMI <25 kg/m2, regelmäßige körperliche Aktivität, geringer Alkoholkonsum, gesunde Ernährung) kann das Risiko für einen Schlaganfall um bis zu 80 Prozent senken. Dies wurde in der “Nurses’ Health-Studie” und der „Health Professionals“ Follow-up-Studie mit über 40.000 männlichen und über 70.000 weiblichen Teilnehmern untersucht.

Bluthochdruck ist populationsbezogen der häufigste Risikofaktor. Dieser sollte öfter erkannt und auch nachhaltig behandelt werden: Wie eine Metaanalyse zeigt, lässt sich das Schlaganfallrisiko allein damit um 32 Prozent reduzieren.

Die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Vorhofflimmern und die Behandlung mit innovativen blutverdünnenden Substanzen (NOAKs) senkt ebenfalls die Schlaganfallrate in dieser Risikogruppe erheblich. Auch hier gibt es aus österreichischer Sicht ein positives Ergebnis: Diese Therapie erhalten immer mehr Österreicherinnen und Österreicher (aktuell etwa 220.000 Personen).

Nichtrauchen ist eine weitere wichtige Maßnahme der Schlaganfallprävention. Was ein genereller Rauchstopp bringen kann, zeigte sich etwa im US-Bundesstaat Arizona: Nachdem das Rauchen dort in allen öffentlichen Gebäuden, an Arbeitsplätzen und in Restaurants verboten worden war, gingen die Schlaganfallraten um 14 Prozent zurück.

Nur durch den Einfluss der Statine konnte z.B. bei Patienten mit asymptomatischen Karotisstenosen das Risko für einen Schaganfall von drei Prozent in den 80er Jahren auf aktuell unter 0,5 Prozent gesenkt werden. Wir wissen, dass es Menschen gibt, die diese Medikamente nicht vertragen, für diese gibt es jetzt zusätzlich innovative Medikamente, die PCSK9 Inhibitoren, mit denen sich das LDL-Cholesterin dauerhaft wirksam senken lässt.

Die Umstellung auf einen gesunden Lebensstil ist auch deshalb so wichtig, weil zwischen kardiovaskulären Erkrankungen, Schlaganfall und vaskulärer Demenz enge Verbindungen bestehen und diese dieselben Risikofaktoren haben. Vaskuläre Demenz, die durch Durchblutungsstörungen im Gehirn wie bei einem Schlaganfall entsteht, ist nach Alzheimer die zweithäufigste einzelne Ursache von Demenz. Und noch eine wichtige Botschaft: Die erfolgreiche Beseitigung/Behandlung der vaskulären Risikofaktoren verschiebt das Manifestationsalter einer Alzheimer-Demenz in das höhere Lebensalter (ca. fünf Jahre).

Nie zu früh oder zu spät für Prävention

Eine neue Studie (Williamson et al.) zeigt, wie wichtig eine optimale kardiovaskuläre Gesundheit bereits in jungen Jahren ist: Sie verbessert die zerebrale Durchblutung und hilft, subklinische Läsionen in der weißen Gehirnmasse zu vermeiden. Erhöhte Risikofaktoren für Herz- und Kreislauferkrankungen führen hingegen bereits früh im Leben zu einer Verminderung der Dichte der Gehirngefäße und zu einer schlechteren Durchblutung des Gehirns. Risikofaktoren vermeiden oder bereits bestehende Gesundheitsrisiken beseitigen kann also nicht früh genug beginnen.

Eine weitere aktuelle Studie (Samieri et al.) beobachtete einen starken Zusammenhang zwischen der kardiovaskulären Gesundheit und beginnender Demenz und stellte fest, dass dieser Zusammenhang auch noch zwischen dem 70. und 80. Lebensjahr für den Beginn und den Entwicklungsverlauf von Demenz entscheidend ist.

Die vorhandenen Evidenzen legen also nahe, dass es nie zu früh oder zu spät ist, um das Gehirn lebenslang gesund zu erhalten, das Demenzrisiko zu senken und einen herzgesunden Lebensstil zu finden. Das bedeutet: nicht Rauchen, gesunde Ernährung, normales Gewicht halten, Blutdruck, Cholesterinspiegel sowie Glukose-Insulin-Spiegel niedrig halten. Für die Gehirngesundheit ist es außerdem wichtig, in Bewegung zu bleiben. Darauf haben wir kürzlich mit dem „Fit for Brain“-Lauf hingewiesen.

Quellen:

O’Donnell et al. Global and regional effects of potentially modifiable risk factors associated with acute stroke in 32 countries (INTERSTROKE): a case-control study. The Lancet 2016, 388: 761-773

Neter et al. Influence of weight reduction on blood pressure: a meta-analysis of randomized controlled trials. Hypertension. 2003;42:878–884

Herman et al. Hospital admissions for acute myocardial infarction,angina, stroke, and asthma after implementation of Arizona’s comprehensive statewide smoking ban. Am J Public Health. 2011;101:491–496.

Jeffrey L. Saver, MD; Mary Cushman, MD, MSc: Striving for Ideal Cardiovascular and Brain Health. It Is Never Too Early or Too Late JAMA August 21, 2018 Volume 320, Number 7, 645-647

Williamson W, Lewandowski AJ, Forkert ND, et al. Association of cardiovascular risk factors with MRI indices of cerebrovascular structure and function and white matter hyperintensities in young adults [published August 21, 2018]. JAMA. doi:10.1001/jama.2018.11498

Samieri C, Perier M-C, Gaye B, et al. Association of cardiovascular health level in older age with cognitive decline and incident dementia [published August 21, 2018]. JAMA. doi:10.1001/jama.2018.11499



Stroke Units und endovaskuläre Zentren in Österreich





Statement Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Past-Präsidentin der ÖGN; Vorständin der Neurologischen Abteilung, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien; Gastprofessorin der Medizinischen Universität Wien.

PK zum Welt-Schlaganfall-Tag; 24. 10. 2018, Michl’s Social Club, Wien





Die Schlaganfallakutversorgung in Österreich ist im internationalen Vergleich vorbildlich im Hinblick auf Stroke Units und endovaskulären Zentren. Für die Zukunft muss diese Qualität erhalten und laufend an die sich ändernden wissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Voraussetzungen angepasst werden. Das dichte Versorgungsnetz scheint gerade in Wien nach aktuellem Planungsstand eine Lücke zu bekommen.

Seit 2003 gibt es in Österreich für die Versorgung von akuten Schlaganfällen „Stroke Units“, wobei nun das Netzwerk als flächendeckend dicht zu bezeichnen und auch die 24/7-Verfügbarkeit von endovaskulären Zentren gewährleistet ist. Im Österreichischen Strukturplan Gesundheit wurden zuletzt 2017 die Kriterien für die Strukturqualität der Stroke Units aktualisiert und auch erstmals ein interdisziplinäres Expertisezentrum namens „endovaskuläre Neurointervention“ definiert. Eine Stroke Unit muss verpflichtend einer neurologischen Abteilung angeschlossen sein. Sie muss jeden Tag rund um die Uhr verfügbar und innerhalb von maximal 60 Minuten erreichbar sein, und umfasst einen Versorgungsbereich von mindestens 200.000 Einwohnern.

Die Aufgabe einer Stroke Unit liegt in der Aufnahme und multimodalen Überwachung von Akutpatienten mit Verdacht auf Schlaganfall. Durch ein multiprofessionelles Team werden dort der klinische Zustand des Kranken und seine Vitalparameter überwacht, häufige Begleiterkrankungen und Komplikationen werden frühzeitig erkannt und behandelt. Weiters erfolgt eine Frührehabilitation im Hinblick auf Schlucken und Mobilisation. Die mittlere Aufenthaltsdauer auf diesen Schlaganfall-Überwachungsstationen liegt österreichweit bei etwa drei Tagen.

Die Eckpfeiler der Behandlung auf einer Stroke Unit sind die Verabreichung der systemischen Thrombolyse zur Wiedereröffnung des verschlossenen Gehirngefäßes. Dafür kommen nur ausgewählte Patienten in Frage, wobei Österreich mit einer durchschnittlichen Thrombolyse-Rate von 18 Prozent im oberen Feld in Europa liegt. Multimodales Monitoring, Frührehabilitation und Behandlung von Komplikationen werden bei allen Patienten angewandt. Dies führt in Summe zu weniger Todesfällen und weniger Behinderung nach akuten Schlaganfällen (De Sousa et al., 2018).

Die Arbeit der Stroke Units in Österreich ist zwar im internationalen Vergleich sehr gut, muss aber beständig weiter verbessert werden. Die European Stroke Organisation hat etwa zum Weltschlaganfalltag das Ziel formuliert, dass 90 Prozent aller Schlaganfallpatienten in Europa bis zum Jahr 2030 von einer Stroke Unit aufgenommen werden. Diese Vorgabe haben wir in Österreich noch nicht erreicht. Darüber hinaus scheint nun in Wien eine ernsthafte Versorgungslücke im Stroke-Unit-Netzwerk zu entstehen – vor diesem Zustand hat die ÖGN seit Jahren gewarnt.

Stroke Unit hat auch „Kümmererfunktion“

Stroke Units tragen wesentlich dazu bei, dass mehr Menschen Schlaganfälle überleben und danach weniger Behinderungen davontragen. Wie eine aktuelle deutsche Studie zum Qualitätsmanagement zeigt (Nabavi et al., 2018), muss sich eine Stroke Unit aber nicht nur um die Patienten kümmern, sondern hat zusätzlich noch eine sogenannte „Kümmerer-Funktion“: Sie muss auch dafür sorgen, dass der gesamte Versorgungsprozess optimal läuft: die Zusammenarbeit innerhalb des Krankenhauses, die Netzwerke außerhalb des Spitals, die Organisation des Rettungswesens, das Qualitätsmanagement, Wissenschaft und Entwicklung, Fort- und Weiterbildung, die Nachsorge sowie die Öffentlichkeitsarbeit (siehe Abbildung). Hier gibt es ständig Optimierungs-Möglichkeiten.

„Stroke Mimic“ – sieht aus wie Schlaganfall, ist aber keiner

Tritt plötzlich eine halbseitige Lähmung auf, so handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen Schlaganfall. Es gibt aber auch andere Krankheitsursachen für so ein klinisches Bild, die erst nach dem Ablauf der gesamten Diagnostik in der Stroke Unit bekannt werden. Wenn das klinische Erscheinungsbild wie ein Schlaganfall aussieht, aber den Untersuchungsergebnissen zufolge keiner ist, so nennt man das „Stroke Mimic“. International sind zwischen 20 und 25 Prozent der Patienten, die auf den Stroke Units liegen, von „Stroke Mimic“ betroffen. Steigt der Anteil dieser Patienten über 25 Prozent, so ist das ein Anzeichen, dass etwas mit der Qualität der Stroke Unit nicht stimmt: Entweder wird sie falsch genützt oder es gibt zu wenige Stroke Unit Betten. Selbstverständlich wollen wir, dass Patienten mit Schlaganfallverdacht sofort zu den Stroke Units kommen, aber bei der Kapazitätsplanung müssen immer auch die „Stroke Mimic“-Patienten mitberechnet werden.

Endovaskuläre Zentren

Auch die Schlaganfallzentren, in denen die endovaskuläre Thrombektomie durchgeführt werden kann, wurden im ÖSG von 2017 erstmals definiert. Demnach muss ein Zentrum für „endovaskuläre Neurointervention“ bestimmte Strukturqualitätskriterien erfüllen – von der Anzahl der Ärztinnen und Ärzte, der Angiografie, der Neurochirurgie bis hin zur Intensivstation. Ein wesentlicher Punkt besteht hier in der Zusammenarbeit mit der Radiologie und Neurochirurgie. Die Neurochirurgie wird einerseits beim Schlaganfallpatienten für seltene Notfälle benötigt, sie bringt aber auch Patienten zum interventionellen Radiologen. Das ist wichtig, weil jene Radiologen, die Angiografien durchführen, eine gewisse Mindestzahl dieser Untersuchungen machen müssen, damit sie ihre speziellen Fertigkeiten erhalten können. Somit kommen die Patienten also von zwei Seiten zum endovaskulären Neurointerventionszentrum: von der Thrombektomie bei akuten zerebralen Großgefässverschlüssen und von der Neurochirurgie bei Aneurysmen und Malformationen an den Hirngefäßen.

Neues Netzwerk für Teleradiologie in Ostösterreich

Wie die DAWN Studie gezeigt hat, kann man das Zeitfenster für die Thrombektomie erweitern, wenn eine ausgklügelte Bildgebung zur Verfügung steht. Somit wird die neue Behandlungsmöglichkeit der Thrombektomie bei Schlaganfall zu einem Motor für die Etablierung von Netzwerken für Teleradiologie. Dies ist eine große Herausforderung für das österreichische Spitalswesen, da hier Bundesländergrenzen überwunden und unterschiedliche Kostenträger zusammenspielen müssen. In Ostösterreich – Wien, Niederösterreich und dem Nordburgenland – ist es nun gelungen, ein teleradiologisches Netzwerk zu etablieren, in dem die verschiedenen Krankenhäuser, die Kostenträger und die Bundesländer so vernetzt sind, dass Bilder vom Zuweiser an das diensthabende endovaskuläre Interventionszentrum geschickt werden können. Die positiven Entwicklungen in der Schlaganfall-Behandlung zeigen aber auch, dass die Gesundheitsplanung ständig an den wissenschaftlichen Fortschritt angepasst werden muss.

Quellen:

Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur: Österreichischer Strukturplan Gesundheit 2017 inklusive Großgeräteplan gemäß Beschluss der Bundes-Zielsteuerungskommission vom 30. Juni 2017

De Sousa D, et al. Access to and delivery of acute ischemic stroke treatments: A survey of national scientific societies and stroke experts in 44 Eurpean countries. Eur Stroke J 2018;0(0):1-16.

R.G. Nogueira, A.P. Jadhav, D.C. Haussen, A. Bonafe et al (for the DAWN Trial Investigators): Thrombectomy 6 to 24 Hours after Stroke with a Mismatch between Deficit and Infarct. The new england journal of medicine. DOI: 10.1056/NEJMoa1706442

D. G. Nabavi, M. Ossenbrink, O. Busse: Qualitätsmanagement in der Stroke Unit. Akt Neurol DOI: 10.1055/a-0642-1803



Mechanische Beseitigung von Hirn-Thrombosen setzt sich in Österreich durch, das Zeitfenster wird größer – Rettungssanitäter sollen lernen, schwere Schlaganfälle gleich zu erkennen





Statement Prim. Univ.-Prof. Dr. Wilfried Lang, Leiter Abteilung für Neurologie, neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie, Barmherzige Brüder Krankenhaus Wien.

PK zum Welt-Schlaganfall-Tag; 24. 10. 2018, Michl’s Social Club, Wien





Die mechanische Beseitigung von Thrombosen mittels endovaskulärer Therapie ist bei schweren Schlaganfällen sehr wirksam, und das Zeitfenster für diese Behandlung wird immer größer. Die Zahl dieser Eingriffe steigt in Österreich beständig an. Für den optimalen Ablauf der Therapie müssen Rettungssanitäter schwere Schlaganfälle erkennen können, die für eine Thrombektomie in Frage kommen – ein entsprechendes Pilotprojekt läuft.

Wenn Patienten einen proximalen Verschluss der Hirnarterie erleiden, also einen schweren Schlaganfall aufgrund eines Blutgerinnsels, können wir den Thrombus mechanisch entfernen. Die sogenannte endovaskuläre Therapie oder Thrombektomie ist eine sehr junge Behandlungsoption. In Österreich haben wir 2011 begonnen, sie bei schweren Schlaganfällen einzusetzen. 2013 zeigten allerdings Studiendaten, dass die Methode nicht den erhofften Erfolg brachte und der Therapieansatz stand vor dem Aus. Die bahnbrechende Entwicklung der sogenannten Stent-Retriever-Systeme sorgte schließlich im Jahr 2015 für erhebliche Verbesserungen.

Die Thrombektomie ist der neue Therapiestandard bei der Behandlung schwerer Schlaganfälle, die durch den akuten Verschluss einer großen Hirnarterie bedingt sind.

Zeitfenster für endovaskuläre Therapie hängt vom Einzelfall ab

Völlig neu wird inzwischen der Faktor Zeit bei endovaskulären Therapien gesehen. Ursprünglich war man der Ansicht, dass ein schwerer Schlaganfall in einem klar definierten Zeitfenster behandelt werden muss, in dem noch genügend rettbares Hirngewebe vorhanden ist. Aktuelle Studien (DEFUSE 3; DAWN; Desai et al.) zeigen aber, dass es wichtiger ist, individuell und in Abhängigkeit vom Infarktgeschehen selbst vorzugehen. Man muss also erkennen, wie viel rettbares Hirngewebe der Patient noch hat und wie viel Gewebe bereits zerstört ist. Das kann von Person zu Person sehr unterschiedlich sein.

Je nach Situation entscheiden die Spezialistinnen und Spezialisten, ob sie das verschlossene Gefäß mit einer Thrombektomie wieder öffnen. Denn glücklicherweise gibt es immer noch Kollateralen – also Nebenäste einer Leitungsbahn – im Gefäßsystem, die in das gleiche Versorgungsgebiet führen und Teile des vom Infarkt bedrohten Gewebes weiter durchbluten. Mit moderner Bildgebung lässt sich das gut darstellen. Diese eingeschränkte Durchblutung reicht manchmal noch aus, um die Struktur für eine gewisse Zeit zu erhalten – und genau dieser Zeitraum ist je nach Person und Ausprägung der Kollateralen unterschiedlich lang.

Für die endovaskuläre Therapie bedeutet das eine Ausweitung der Indikationsstellung: Die Therapie ist also nicht ausschließlich binnen fünf Stunden nach dem Schlaganfall wirksam, sondern – wenn noch genügend rettbares Gewebe besteht – auch bis zu 16 Stunden danach.

Zunahme der endovaskulären Therapie nach Schlaganfall in Österreich

Unsere Grafik zeigt, dass immer mehr Thrombektomien in Österreich durchgeführt werden: 2011 sind nur rund 150 Patienten auf diese Weise behandelt worden, seither stieg die Zahl der Eingriffe bis 2015 stabil an. Ab 2015 war die medizinische Evidenz der Therapie gesichert. Heute liegen wir bei rund 900 Thrombektomien pro Jahr. Wir rechnen, dass von den 24.000 Schlaganfällen, die jährlich in Österreich verzeichnen werden, zwischen fünf und zehn Prozent schwere Schlaganfälle sind und mit einer endovaskulären Therapie versorgt werden müssten. Das wären künftig zwischen 1.200 und 2.400 Patienten pro Jahr.

Um Patienten eine endovaskuläre Therapie zu ermöglichen, bilden sich in Österreich immer dichtere Netzwerke. Derzeit gibt es 39 einfache Stroke Units und neun gut etablierte Interventionszentren, Comprehensive Stroke Centers (Zahl der Interventionen 50 – 200/ Jahr), zwei weitere Zentren sind im Aufbau. Stroke Units und Comprehensive Stroke Centers intensivieren die Zusammenarbeit, so dass eine flächendeckende Versorgung rund um die Uhr möglich ist.

Pilotprojekte zur Erkennung schwerer Schlaganfälle

In Tirol gibt es seit Februar 2018 einen Modellversuch, der darauf zielt, einen schweren Schlaganfall frühestmöglich zu erkennen. Wenn etwa ein Patient in einem Tiroler Bergtal einen Schlaganfall hat, geht der Notruf der Angehörigen an die Rettungszentrale. Diese muss prähospital einschätzen, ob ein Schlaganfall vorliegt oder nicht. Jetzt wollen wir das Ganze noch verfeinern: Die Rettungsleitstelle Tirol verwendet einen Abfrage-Algorithmus, der feststellen soll, ob es sich um einen schweren Schlaganfall handelt. Beim schweren Schlaganfall erfolgt der direkte Transport in ein Interventionszentrum, z.B. auch mit Hubschrauber-Einsatz.

Dafür haben wir ein spezielles System entwickelt, das die Merkmale des schweren Schlaganfalls mit Punkten bewertet. Addiert man die Punkte, lässt sich der Schweregrad des Schlaganfalls gut einschätzen. Ab einer Punkteanzahl von vier oder mehr werden die Patienten gezielt in ein Zentrum gebracht, das die endovaskuläre Therapie durchführen kann – in Tirol etwa nach Innsbruck. Ein leichter Schlaganfall wird natürlich auch sofort versorgt, aber dafür braucht es die systemische Thrombolyse und die Versorgungswege sind etwas anders. Das Tiroler Pilotprojekt hat im Februar begonnen und wird wissenschaftlich evaluiert. Ein ähnliches Projekt soll nächstes Jahr in Niederösterreich starten.

In Wien teilen sich drei Krankenhäuser – AKH Wien, Rudolfstiftung und Barmherzige Brüder – die Tage auf, an denen endovaskuläre Therapien durchgeführt werden. Seit 1. Oktober läuft ein Modellversuch, bei dem die Wiener Rettungskräfte schwere Schlaganfälle an den Tagen, an denen wir zuständig sind, statt in das nächste Stroke Zentrum gleich ins Krankenhaus der Barmherzigen Brüder bringen. Wir haben die Wiener Rettungssanitäter so ausgebildet, dass sie einen schweren von einem leichten Schlaganfall unterscheiden können. Es wird wissenschaftlich evaluiert, wie sich dadurch die Versorgungzeiten verbessern und wie gut die Rettungssanitäter die Schlaganfälle beurteilen können.

Um auch Laien zu vermitteln, wie man einen schweren von einem leichten Schlaganfall unterscheiden kann, haben wir einen Film gedreht, in dem fünf Merkmale dargestellt werden: Gesichtslähmung (Facialdefizit), Armschwäche, Sprachstörung, Beinschwäche, Herdblick (Blickwendung). Es gibt auch eine entsprechende Broschüre dazu.

Quellen:

G.W. Albers, M.P. Marks, S. Kemp et al (for the DEFUSE 3 Investigators): Thrombectomy for Stroke at 6 to 16 Hours with Selection by Perfusion Imaging. N Engl J Med 2018;378:708-18

Shashvat M Desai, Marcelo Rocha, Bradley J Molyneaux et al: Thrombectomy 6-24 hours after stroke in trial ineligible patients. J NeuroIntervent Surg 2018;0:1–6. doi:10.1136/neurintsurg-2018-013915

R.G. Nogueira, A.P. Jadhav, D.C. Haussen, A. Bonafe et al (for the DAWN Trial Investigators): Thrombectomy 6 to 24 Hours after Stroke with a Mismatch between Deficit and Infarct. DOI: 10.1056/NEJMoa1706442

Lehrfilm: https://vs-pd09.sf.apa.at/vs_vielgesundheit/20180921_13_239967_Lehrfilm_FastPlus_210918_1080.mp4



Schlaganfallversorgung: Österreich im europäischen Spitzenfeld





Statement a.o. Univ.-Prof. Dr. Stefan Kiechl, Präsident der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft (ÖGSF), Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck.

PK zum Welt-Schlaganfall-Tag; 24. 10. 2018, Michl’s Social Club, Wien





Österreich befindet sich bei der Schlaganfallversorgung im europäischen Spitzenfeld, doch in der Nachsorge gibt es Luft nach oben. Das Gesundheitsministerium hat nun einen „Qualitätsstandard Schlaganfall“ ausgearbeitet und auch ein europaweiter Aktionsplan soll für Verbesserungen sorgen.

Bei der Qualität der Schlaganfallversorgung zählt Österreich zu den fünf besten Ländern in Europa. Zu diesem Schluss kam eine aktuelle Studie (ESO ESMINT EAN SAFE Survey), die alle europäischen Länder verglichen hat. Bei der Thrombolyse ist Österreich gemeinsam mit Dänemark Europameister. Auch bei den Thrombektomien, der mechanischen Entfernung von großen Blutgerinnseln, liegen wir ganz weit vorne.

Dass sich Österreich im europäischen Spitzenfeld befindet, hängt mit dem dichten Netz an Schlaganfalleinheiten zusammen, das flächendeckend das gesamte Bundesgebiet abdeckt – also nicht nur die Großstädte sehr gut versorgt, sondern auch ländliche Regionen. In anderen Ländern gibt es zumeist nur kleine Stroke Units, die eine Grundversorgung gewährleisten, und einige wenige große Stroke Units, die Spitzenmedizin betreiben.

Weiters zeichnet Österreich aus, dass in den letzten 15 Jahren kontinuierlich Qualitätskontrolle betrieben wurde. In einem Register werden alle wichtigen Informationen zum Management der Stroke Unit-Patienten gesammelt. Durch die regelmäßigen Auswertungen dieses Registers konnte jede Stroke Unit allfällige Schwächen erkennen und beseitigen.

Österreich schneidet also im europäischen Vergleich sehr gut ab und hat in der Schlaganfallversorgung einen hohen internationalen Stellenwert. Dieser äußert sich auch darin, dass der Österreicher Prof. Michael Brainin zum neuen Präsidenten der Weltschlaganfallgesellschaft gewählt wurde. 2020 wird der erste gemeinsame Kongress der europäischen und der Weltschlaganfallorganisation in Wien stattfinden. Diese Veranstaltung wird der größte Kongress zum Thema Schlaganfall, den es je gegeben hat.

Österreichweiter Qualtiätsstandard Schlaganfall

Durch die Optimierung aller Abläufe vom Rettungswesen bis zur Rehabilitation kann die gesamte Behandlung des Schlaganfalls weiter verbessert werden. In einigen Bundesländern wie der Steiermark, in Tirol, Oberösterreich und seit kurzem auch in Niederösterreich wurden qualitativ gute „Behandlungspfade“ implementiert. Vom Gesundheitsministerium wurde unter der Bezeichnung „Qualitätsstandard Schlaganfall“ ein Pfad für ganz Österreich ausgearbeitet, der sich zurzeit in der Endbegutachtung befindet. Da es bislang nur für ganz wenige Krankheitsbilder Qualitätsstandards gab, zeigt sich, dass der Schlaganfall als ganz besonders wichtig gesehen wird. Wenn die Eckpunkte der Schlaganfallversorgung festgelegt werden, können wir in den nächsten Jahren weitere Fortschritte erzielen.

Optimierungsmöglichkeiten bei Nachsorge und Prävention

Luft nach oben gibt es vor allem in der Nachsorge. Anders als etwa bei einer Tumorerkrankung oder bei einem Herzinfarkt werden Schlaganfallpatienten nicht alle sechs Monate einbestellt, um entsprechende Untersuchungen durchzuführen. In den nächsten Jahren soll die Schlaganfallnachsorge in ganz Österreich etabliert werden, denn jeder fünfte Schlaganfall ist ein wiederholter Gehirnschlag. Dieses Fünftel aller Fälle wäre verhinderbar – wenn alles optimal laufen würde, die Patienten in der Nachbetreuung die besten verfügbaren Medikamente bekämen, und ihre Risikofaktoren so eingestellt würden, dass sie ihre Zielwerte Guideline-konform erreichen.

Europaweiter Aktionsplan Schlaganfall

Am 28. Oktober – am Tag vor dem Weltschlaganfalltag – wird der Aktionsplan Schlaganfall für Europa 2018-2030 veröffentlicht. An der Ausarbeitung waren auch mehrere österreichische Experten beteiligt. Hier werden die Ziele für ganz Europa definiert, die in den nächsten Jahren erfüllt werden sollen. Ein zentrales Ziel ist es, dass Schlaganfallpfade in ganz Europa ausgerollt werden sollen. Die Modelle aus Österreich sind hier Vorbild und zeigen, dass solche Pfade auch das Behandlungs-Outcome der Schlaganfallpatienten verbessern – sie haben also bessere Chancen, wieder ganz gesund zu werden. Ein zweites zentrales Ziel ist es, die Schlaganfalleinheiten europaweit noch weiter auszubauen. Als dritte Maßnahme soll noch mehr in die Prävention investiert werden.

Quelle:

Diana Aguiar de Sousa, Rascha von Martial, Sonia Abilleira et al (ESO ESMINT EAN SAFE Survey on Stroke Care collaborators): Access to and delivery of acute ischaemic stroke treatments: A survey of national scientific societies and stroke experts in 44 European countries European Stroke Journal 0(0) 1–16, 2018







Keine Entwarnung bei Schlaganfällen – jeder 4. Über-25-jährige stirbt an einem Schlaganfall







Statement Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Michael Brainin; Präsident der World Stroke Organisation; Leiter des Departments für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin sowie des Zentrums für Neurowissenschaften, Donau-Universität Krems.

PK zum Welt-Schlaganfall-Tag; 24. 10. 2018, Michl’s Social Club, Wien





In Zentral- und Osteuropa stirbt jeder 4. Über-25-jährige an einem Schlaganfall.

Auf dem Welt-Schlaganfall-Kongress in Montreal, der soeben zu Ende gegangen ist, hat sich gezeigt, dass die Schlaganfall-Epidemie noch brisanter ist als bisher gedacht. Die weltweite Wahrscheinlichkeit, dass ein Über-25-jähriger an einem Schlaganfall stirbt, hat sich inzwischen von 12 Prozent auf 14 Prozent erhöht. Das bedeutet, dass weltweit jeder 7. Mensch über 25 Jahre an einem Schlaganfall verstirbt. In China ist es jeder 3., und in Zentral- und Osteuropa jeder 4., und das schließt auch Österreich ein. Es sollte sich also niemand der Illusion hingeben, dass es hier eine Entwarnung gibt.

Weiterführender Link zu Österreichische Schlaganfall-Gesellschaft
Walter Struhal

Walter Struhal, website editor der ÖGN

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Europäischer Epilepsiekontreß in Wien

Fortschritte bei Entschlüsselung der Ursachen, neue Therapien

Ab heute Sonntag ist Wien das Zentrum der Internationalen Epileptologie: Auf dem 13. Europäischen Epilepsiekongress diskutieren fast 3.000 Experten eine völlig neue Sicht auf Epilepsie-Symptome, aber auch die Lücke zwischen therapeutische Möglichkeiten und Versorgungsrealität. Weitere wichtige Themen auf der Kongressagenda: Wie die Entschlüsselung der Zusammenhänge zwischen Epilepsie und Demenz den Weg zu neuen Alzheimertherapien ebnen könnte und wie neuerdings Kindern mit seltenen erblichen Epilepsieformen geholfen werden kann.

Wien, am 26. August 2018 – Bereits zum zweiten Mal nach 2004 findet der Europäische Epilepsiekongress (ECE) von 26. bis 30. August in Wien statt. Mit 2.800 internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und fünf Tagen intensivem Programm ist der ECE die größte und wichtigste europäische Tagung zur Epileptologie – einem Forschungsgebiet, das sich längst nicht auf Krampfanfälle beschränkt und rasant weiterentwickelt. „Wir können heute so viel mehr für Betroffene tun als noch vor ein einigen Jahren. Leider kommen die Innovationen nicht in ausreichendem Maß bei allen Betroffenen an“, sagt im Vorfeld des wissenschaftlichen Großereignisses Kongresspräsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Mag. Eugen Trinka (Salzburg), der auch der Europäischen Gesellschaft für Epileptologie und der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) vorsteht. Sieben von zehn Epilepsie-Patienten könnten beispielsweise dank neuer medikamentöser Optionen anfallsfrei leben, doch längst nicht alle Betroffenen profitieren davon. Noch schlechter dürfte es beim Zugang zu neuartigen Operationstechniken aussehen.

Epilepsie kostet Europas Wirtschaft 20 Milliarden Euro pro Jahr

„Die Krankheitslast und die Versorgungsdefizite bei der Epilepsie werden häufig unterschätzt“, so der ECE-Präsident. Zwar halten sich die Behandlungskosten im Vergleich zu Krankheiten wie der Multiplen Sklerose im Rahmen – sie betragen derzeit 0,5 Prozent der globalen Krankheitskosten. Dafür schlagen sich die indirekten Kosten umso mehr zu Buche. Schuld daran sind die zahlreichen Begleiterkrankungen wie Depression, Migräne, Psychosen, Angstzustände oder kognitive Störungen. Beim Ranking der Krankheiten, die Behinderungen zur Folge haben, landet Epilepsie in der Global Burden of Disease Studie auf Platz 4 von 200. Außerdem wirken sich Vorurteile und Stigmatisierung negativ aus: Epilepsie-Patienten haben es bei der Ausbildung und am Arbeitsmarkt besonders schwer und sind daher oft arbeitslos. „Allein für Europa werden die wirtschaftlichen Folgen der Krankheit auf 20 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das ist eine gewaltige Summe, die in der Patientenversorgung besser aufgehoben wäre“, sagt Prof. Trinka.

Epilepsie völlig neu denken

Aktuell vollzieht sich eine „Revolution in der Bewertung von Epilepsie“, wie Kongresspräsident Prof. Trinka betont: „Wir betrachten heute Epilepsie nicht länger als die eigentliche Krankheit, sondern als Symptom unterschiedlichster anderer Erkrankungen. So vielfältig die Ursachen sind, so vielfältige Diagnose- und Behandlungszugänge sind auch nötig“, erläutert ECE-Präsident Prof. Trinka. Bei Kindern etwa können epileptische Anfälle ein Hinweis auf eine seltene, genetisch bedingte Krankheit sein, so etwa ein gestörter Zellstoffwechsel, der erst aufgrund der Krämpfe entdeckt wird. Die schwerste Form von Anfällen, der Status epilepticus, der sogar Wochen anhalten kann, tritt bei dieser Patientengruppe häufig auf. Bei Erwachsenen können Anfälle im Sinne einer erworbenen Epilepsie etwa die Folge eines Schädel-Hirn-Traumas oder eines Schlaganfalls sein.

Genetische Mechanismen entschlüsseln und beeinflussen

Bei den angeborenen Formen der Epilepsie ist die Forschung zunehmend erfolgreich, die genetischen Ursachen zu entschlüsseln. Dies eröffnet auch den Weg zu neuen Behandlungsansätzen. „Neue medikamentöse Therapien sollen gezielt auf den jeweiligen Krankheitsmechanismus wirken, das unterscheidet sie grundlegend von klassischen Anti-Epileptika“, erklärt ECE-Präsident Prof. Trinka.

Ein Beispiel ist die Tuberöse Sklerose, eine Krankheit, die durch genetisch bedingte TSC-Gen-Mutationen zu schwerer, therapieresistenten Epilepsie, Tumoren in Organen und Entwicklungsstörungen führt. Im Rahmen der Epileptologie konnte der Target-Wirkstoff Everolimus entwickelt werden, der den genetischen Mechanismus unterbindet und damit Anfälle sowie Tumorwachstum stoppen kann. Intensiv geforscht wird auch, wie man Gendefekte überbrücken oder ein fehlendes Genprodukt ersetzen kann – das ist beispielsweise bei der Neuronalen Ceroid-Lipofuszinose geglückt. Für Kinder mit dieser seltenen, bislang tödlich verlaufenden Stoffwechselerkrankung gibt es jetzt eine Behandlungsoption.

Epileptologie bringt neuen Ansatz in Alzheimer Forschung

Eines der aktuellen Top-Themen in der Forschung zu erworbenen Epilepsien ist der Zusammenhang zwischen der Alzheimer-Erkrankung und Epilepsie. Hier könnte die Epileptologie neuen Ansätzen im Kampf gegen neurodegenerative Erkrankungen zum Durchbruch verhelfen. Diese sind durch eine Anhäufung von Tau-Proteinen im Blut bestimmt. Auch Epilepsie kann diese Akkumulation befördern und ist möglicherweise der entscheidende Motor für das Fortschreiten der Krankheit. Bekannt ist inzwischen, dass Alzheimer-Patienten mit fluktuierendem Krankheitsverlauf kontinuierliche epileptische Entladungen im Hippocampus aufweisen. Zahlreiche Studien untersuchen im Moment, wie dieser Prozess medikamentös beeinflusst und so der neurodegenerative Prozess gestoppt werden kann. „Dieser neue Ansatz könnte endlich einen Schlüssel zur wirksamen Bekämpfung von Alzheimer liefern“, sagt Kongresspräsident Prof. Trinka.

Cannabidiol reduziert Anfälle um die Hälfte

Auf dem Kongress werden wichtige  therapeutische Entwicklungen diskutiert, etwa die Rolle von Cannabinoiden in der Epilepsie-Therapie. Vor allem Cannabidiol, ein nicht psychotroper Bestandteil der Cannabispflanze, hat in einigen Untersuchungen bei Kindern mit seltenen und pharmakoresistenten Epilepsieformen wie dem Dravet-Syndom oder dem Lennox-Gastaut-Syndrom vielversprechende Ergebnisse geliefert. Im Schnitt ließen sich die Anfälle in einer Fallstudie damit um rund die Hälfte reduzieren, neun Prozent der Patienten blieben sogar völlig anfallsfrei. „Diese Substanzen sind nicht für den breiten Einsatz bei allen Epilepsieformen gedacht“, so Prof. Trinka, „Sie scheinen aber gerade für diese schweren Fälle bei Kindern und Jugendlichen, aber auch erkrankten Erwachsenen, eine interessante therapeutische Optionen zu sein.“

Mit Laser Epilepsie-Herd im Gehirn ausschalten

Bei bestimmten Epilepsie-Formen sind neurochirurgische Eingriffe das Mittel der Wahl. Die Laserchirurgie bietet inzwischen eine sehr schonende Möglichkeit: „Statt Hirnteile zu entfernen, wird der epileptogene Herd im Gehirn mit Lasertechnik ausgeschaltet. Damit lassen sich die Rekonvaleszenz-Zeiten verkürzen und die Spitalstage verringern“, berichtet Prof. Trinka. Die Technik setzt sich bereits in den USA durch, wo Kosten eine besonders große Rolle spielen. Patienten können manchmal noch am selben Tag, im Durchschnitt aber nach zwei Tagen, entlassen werden. Bei der herkömmlichen chirurgischen Methode bleiben Patienten durchschnittlich zehn Tage im Krankenhaus.

Diagnostik auf Top-Niveau: Von Magnetenzephalografie bis Genomanalysen

Nicht zuletzt auch die technischen Entwicklungen in der Diagnostik treiben das Forschungsfeld voran, wie das Kongressprogramm deutlich zeigt. Das gilt etwa für die Neuro-Bildgebung: Mit modernster Magnet-Enzephalografie lässt sich genau verorten, woher die epileptischen Signale kommen. Computer mit enormer Rechnerleistung können ganze Genome analysieren, Ähnlichkeiten zwischen kranken Familienmitgliedern aufspüren oder Gene ausmachen, die für die Krankheit eine Rolle spielen.

Medienkontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung Dr. Birgit Kofler Tel.: +43-1-319 43 78; +43-676-63 68 930 E-Mail: kofler[at]bkkommunikation.com
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ÖGN Kongreß 2018 – Neuroonkologie: Molekulare Diagnostik und verbessertes Neuroimaging ermöglichen maßgeschneiderte Therapien für Patienten mit Gehirntumoren

Statement OÄ Dr. in Judith Wagner, Kongresssekretärin, Klinik für Neurologie 1, Neuromed Campus, Kepler Universitätsklinikum Linz

Ich freue mich, Ihnen zum Abschluss einige aufsehenerregende Entwicklungen auf dem Gebiet der Neuroonkologie nahebringen zu können. Diese Subspezialität gehört zweifellos zu den dynamischsten Bereichen in der Neurologie und findet sich deshalb zu Recht auch im Programm unserer Jahrestagung entsprechend prominent. Aktuelle Fortschritte in der Therapie – und vor allem auch der Prognose – werden wir in Vorträgen und im Rahmen einer eigenen Arbeitsgruppe behandeln.

Neue Klassifikation der WHO für Gehirntumore

Wie sehr die Neuroonkologie im Umbruch ist, lässt allein schon daran erkennen, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO vor kurzem eine neue Klassifikation für Hirntumore erstellt hat. Bislang kennen wir rund 150 unterschiedliche Arten davon. Glioblastome, von denen jährlich drei bis vier Fälle pro 100.000 Personen auftreten, sind die häufigsten hirneigenen – also vom Hirngewebe ausgehenden – Tumoren. Die verschiedenen Unterarten unterscheiden sich durch ihren zellulären Ursprung, ihre Wachstumsgeschwindigkeit und die zu erwartende Prognose, aber, wie wir inzwischen wissen, auch hinsichtlich ihres Ansprechens auf die einzelnen Therapien. Das ist der Grund, warum die WHO ihr 2007 erstelltes Klassifikationsschema jetzt überarbeitet hat. Während die Tumore bisher aufgrund rein histologischer Diagnosen in vier Grade – von I wie gutartig bis IV wie bösartig – eingeteilt wurden, berücksichtigt die neue Klassifikation nun zusätzlich auch molekulargenetische und immunhistochemische Eigenschaften zur Differenzierung der unterschiedlichen Tumorentitäten.

Molekulare Diagnostik ermöglicht treffsichere Therapie und verlängert Überlebenszeit

Möglich wurde das durch die bemerkenswerten Fortschritte der molekularen Diagnostik. In den letzten Jahren ist es gelungen, eine ganze Reihe von Biomarkern zu identifizieren, die uns nun ein weitaus differenzierteres Bild der verschiedenen Tumorarten liefern. Das betrifft sowohl diagnostische Biomarker zur Präzisierung der Tumorklassifikation wie auch prognostische, die uns eine bessere individuelle Prognose ermöglichen. Für die Praxis wahrscheinlich am wichtigsten sind die prädiktiven Biomarker, mit denen wir heute viel genauer als bisher vorhersagen können, ob und wie eine Patientin oder ein Patient auf eine bestimmte Therapie ansprechen wird.

Das ermöglicht uns, die Therapiekonzepte besser auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden und die jeweils beste Kombination aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung zu finden. So wissen wir beispielsweise, dass Patienten mit einem bestimmten hirneigenem Tumor, dem Oligodendrogliom, die eine spezifische Veränderung der Chromosomenstruktur – eine „1p/19q Kodeletion“ – aufweisen, am besten auf eine Kombination aus Chemo- und Strahlentherapie ansprechen. Wie eine Studie zeigt, verdoppelt sich die Überlebenszeit dadurch auf durchschnittlich 14,7 Jahre, während sie bei alleiniger Strahlentherapie bei nur 7,3 Jahren liegt.

Verbessertes Neuroimaging erhöht Diagnosegenauigkeit

Ähnlich beeindruckende Fortschritte erleben wir auch in der bildgebenden Diagnostik. Zwar ist die Magnetresonanztomografie dabei immer noch das zentrale Instrument, um Gehirntumore zu identifizieren. Allerdings lässt sich Tumorgewebe mit einer MRT in vielen Fällen nur sehr ungenau von anderen, unspezifischen Gewebsveränderungen unterscheiden.

Die Positronenemissionstomografie mit radioaktiv markierten Aminosäuren, kurz FET-PET genannt, erlaubt uns heute aber, bestimmte Stoffwechselprozesse im Gehirn sehr genau zu beobachten. Damit lässt sich hochaktives Tumor- deutlich von inaktivem Narben-Gewebe differenzieren. Diese Untersuchungen sind aufwendig und leider immer noch teuer – machen sich aber bezahlt. Wie eine Biopsie-kontrollierte Studie zeigte, ist die Sensitivität des MRT – also die Fähigkeit der Methode, Tumorgewebe bei Tumorpatienten zu entdecken – in etwa gleich hoch wie bei MRT plus FET-PET. Allerdings ist die Spezifität des MRI nur etwas mehr als halb so hoch wie die der Kombination MRT plus FET-PET: Bei nur etwa der Hälfte aller nur mit MRT untersuchten Personen, bei denen mit dieser Methode ein Tumor diagnostiziert wurde, lag auch tatsächlich ein Tumor vor.

Das verbesserte Neuoimaging bringt aber nicht nur mehr Treffsicherheit bei der Grunddiagnose, sondern auch wesentliche Zusatzinformationen, die bei der Planung einer Biopsie oder eines neurochirurgischen Eingriffs deutliche Verbesserungen bringen. Dazu kommt, dass diese Methode auch die Therapie besser beurteilbar macht. In einer Studie bei Patienten mit Hirntumoren hat sich gezeigt, dass die FET-PET bereits in einem sehr frühen Behandlungsstadium zeigen kann, ob Patienten auf eine Chemo- oder Strahlentherapie ansprechen oder nicht.

Diese Entwicklungen zeigen nicht zuletzt auch, wie wichtig eine fächerübergreifende Zusammenarbeit gerade in der Neuroonkologie ist, wobei den Neurologinnen und Neurologen eine wichtige Rolle in der Patientenbetreuung zukommt.

Verbesserungsbedarf in der Palliativpflege für neurologische Patienten

Wo ich Verbesserungsbedarf sehe, ist in der palliativen Betreuung unserer Patientinnen und Patienten. Diese ist nach wie vor eine Domäne der Onkologie, die hier auch viel Erfahrung hat. Allerdings sind gerade neurologische Patienten oft schwieriger zu behandeln als andere Patienten im Endstadium ihrer Krankheit. In vielen Fällen sind sie rein körperlich mobiler, leiden dafür aber an starken kognitiven Einschränkungen. Darauf nehmen die vorhandenen Strukturen noch viel zu wenig Rücksicht.

Um dem mit Sicherheit wachsenden Bedarf an neurologischer Palliativpflege gerecht zu werden, wird es auch hierzulande – wie dies in Deutschland zum Teil schon der Fall ist – interdisziplinäre Einrichtungen brauchen, die mit mehr und speziell ausgebildetem Personal auf die spezifischen Bedürfnisse solcher Patientinnen und Patienten eingehen können.

Quellen: European Organization for Research and Treatment of Cancer [EORTC] 26951 und Radio Therapy Oncology Group [RTOG] 94-02 [3, 20]); Wick, W. & Hau, P. Nervenarzt 2015;86; Cairncross et al, J Clin Oncol 2013;31:337-43; van den Bent et al, Lancet 2017;390:1645-53; Pauleit et al. Brain 2005 ;128:678-87; Galldiks et al. J Nucl Med 2012;53:1048-57 Medienkontakt: Dr. Birgit Kofler B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung Tel.: 01 3194378; 0676 6368930 kofler@bkkommunikation.com
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Schwerpunkthema Epilepsie: Bemerkenswerte Fortschritte in der medikamentösen und chirurgischen Therapie – Besondere Erfordernisse bei der Epilepsie im Alter



Statement Prim. Priv.-Doz. Dr. Tim von Oertzen, Kongresspräsident; Vorstand der Klinik für Neurologie 1, Neuromed Campus, Kepler Universitätsklinikum Linz

Ich freue mich, dass ich Sie als Präsident unserer diesjährigen Tagung im Vorfeld begrüßen darf. Umso mehr, als wir heuer einen besonders breiten Bogen an für die Neurologie – aber auch für die Gesellschaft – relevanter Themen spannen werden. So werden wir uns unter anderem dem wichtigen Thema Epilepsie, aber auch den Orphan Diseases oder Seltenen Erkrankungen widmen, bei denen es etliche bemerkenswerte Fortschritte gibt, die uns zunehmend auch die Behandlung dieser „Waisenkinder“ der Medizin ermöglichen. Darüber hinaus werden wir auch Neuigkeiten in der Akutneurologie und die vielversprechenden Entwicklungen in der Neuroonkologie präsentieren. Zu letzteren wird Ihnen Frau Dr. Wagner Näheres erläutern.

Gerade wegen der von ÖGN-Präsidentin Primaria Fertl angesprochenen Probleme im Ausbildungsbereich, die langfristig zu einem dramatischen Verlust an Know-how und einer signifikanten Verschlechterung der Versorgungslage führen könnten, haben wir uns entschlossen, den diesjährigen Kongress sehr offen zu gestalten: Um auch Allgemeinmediziner und vor allem die nächste Ärztegeneration über die laufenden Fortschritte unseres Fachgebietes zu informieren, wird es am Kongress diesmal auch zahlreiche Veranstaltungen für Nicht-Neurologen und spezielle Angebote für Jungmediziner geben.

Schwerpunkt Epilepsie: 60.000 Menschen in Österreich betroffen

Wie wichtig es ist, dass Mediziner aller Fachrichtungen zumindest über Grundkenntnisse der Neurologie verfügen, werden Sie gleich am Beispiel der Epilepsie sehen. Diese Funktionsstörung des Gehirns wird häufig immer noch zu Unrecht als seltene Erkrankung angesehen. Tatsächlich aber sind in Österreich 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen, also mehr als 60.000 Menschen. Und wenn jährlich 0,05 Prozent Neuerkrankungen dazu kommen, heißt das, dass hierzulande alle zwei Stunden ein Mensch an Epilepsie erkrankt.

Dass wir dieses Thema heuer besonders intensiv behandeln wollen, hat vor allem den Grund, dass sich in diesem Teilbereich der Neurologie eine zunehmende Kluft zwischen Patientenbedürfnissen und medizinischen Möglichkeiten auf der einen Seite und der Behandlungsrealität auf der anderen Seite auftut.

Fortschritte in der Pharmakotherapie: 7 von 10 Patienten könnten anfallsfrei sein

Die gute Nachricht ist: Mit den Errungenschaften der letzten Jahre sind wir heute in der Lage, der überwiegenden Mehrheit der Patientinnen und Patienten wirkungsvoll zu helfen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden zahlreiche Medikamente eingeführt, mit denen wir bei sieben von zehn Betroffenen für vollständige Anfallsfreiheit sorgen können – und das mittlerweile in den meisten Fällen ohne gravierende Nebenwirkungen.

Soweit die auch von zahlreichen Studien gestützte Theorie. Allerdings, und hier beginnt sich die vorhin angesprochene Diskrepanz zu zeigen, wissen wir nicht, ob und wie weit diese neuen Möglichkeiten auch bei den Betroffenen ankommen. In Österreich gibt es dazu keine verlässlichen Zahlen, weil es kein eigenes Register gibt. Wenn wir ersatzweise Daten aus Großbritannien heranziehen, sehen wir aber, dass dort bislang erst maximal 50 Prozent der Menschen mit Epilepsie von den neuen therapeutischen Möglichkeiten profitieren.

Möglichkeiten der Gehirnchirurgie noch zu wenig genutzt

Noch evidenter klafft die Lücke zwischen dem Machbaren und dem, was gemacht wird, bei jenen Patienten auseinander, die auf die verfügbaren Epilepsie-Medikamente leider nicht ansprechen. Das ist rund ein Drittel aller Betroffenen, denen wir bis vor wenigen Jahren kaum helfen konnten. Dank der technischen Fortschritte sowohl auf dem Gebiet der bildgebenden Diagnostik als auch auf dem Gebiet der Neurochirurgie kann ein Teil solcher Patienten heute aber mit immer besserer Langzeit-Effektivität operiert werden.

Wie eine vor Kurzem im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie mit 9.523 Patientinnen und Patienten zeigt, sind die Ergebnisse überragend: 58 Prozent der Erwachsenen waren ein Jahr nach einem solchen Eingriff vollständig anfallsfrei. Wenn der Epilepsie ein gutartiger Tumor zugrunde lag, waren es sogar 63,5 Prozent. Bei Kindern lag die Erfolgsrate bei 65 Prozent.

Leider wird diese Möglichkeit noch viel zu wenig genutzt. Und wenn, dann häufig viel zu spät: Wie die Studie zeigt auch unsere tägliche Praxis an der neuen medizinischen Fakultät in Linz, wo wir einen eigenen Forschungsschwerpunkt Epilepsie eingerichtet haben, dass die Betroffenen durchschnittlich erst 16 Jahre nach der Erstdiagnose zur Operation kommen. Dabei müsste in jedem dieser Fälle nach spätestens drei bis fünf Jahren erkennbar gewesen sein, dass es sich um Patienten handelt, die auf Medikamente nicht ansprechen.

Appell zur Schließung der Versorgungslücken

Diese eklatante Lücke in der Versorgung müssen wir dringend schließen und dafür sorgen, dass solche pharmakoresistenten Patientinnen und Patienten möglichst frühzeitig in ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden. Das würde nicht nur den Betroffenen Jahre mit einem sehr belastenden Leiden und kognitive Verschlechterungen ersparen, sondern auch erhebliche Entlastungen für die Volkswirtschaften bringen.

Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie des European Brain Councils, das die Versorgungsrealitäten neurologischer Erkrankungen untersucht hat. Die zwei wesentlichsten Ergebnisse sollten uns zu denken geben: Erstens liegen die Behandlungserfolge deutlich unter dem, was möglich wäre, wenn alle Leitlinienempfehlungen eingehalten würden. Und zweitens liegen die unvermeidlichen Folgekosten dieser Unterversorgung deutlich höher, als für eine lückenlose Versorgung aufzubringen wäre. Kurz gesagt: Wir nehmen schlechtere Behandlungsergebnisse zu höheren Kosten in Kauf.





Epilepsie im Alter stellt besondere Herausforderungen an die Versorgung

Dass es weitere Anstrengungen nicht nur in unserem eigenen Fachgebiet, sondern weit darüber hinaus brauchen wird, zeigt sich auch am Beispiel der Alters-Epilepsie. Anders als oft angenommen, treten die meisten Epilepsien erst im Erwachsenenalter auf. Allerdings präsentiert sich die Krankheit bei älteren Patienten oft diffuser als bei jüngeren oder mittelalten Erwachsenen und äußert sich nicht zwangsläufig mit der typischen Aura oder augenfälligen Anfällen. Typisch sind Verwirrtheitszustände, die allerdings oft einer Demenzerkrankung oder einem vorhergehenden Schlaganfall zugeschrieben werden.

Um solche Fälle erkennen und adäquat behandeln zu können, braucht es eine sorgfältige neurologische Diagnostik mit vielen EEGs. Voraussetzung dafür ist aber, dass diese Patienten überhaupt den Zugang zur Neurologie finden. Das ist der Grund für meine eingangs geäußerten Sorgen: Damit Allgemeinmediziner und Kolleginnen und Kollegen anderer Fachrichtungen solche diffusen Symptome erkennen und richtig einordnen können, braucht es ein breit gestreutes neurologisches Grundwissen quer durch die Medizin.

Quelle: Blumcke et at, Histopathological Findings in Brain Tissue Obtained during Epilepsy SurgeryN Engl J Med 2017;377:1648-56.DOI: 10.1056/NEJMoa1703784

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ÖGN Kongreß 2018 – Neurologie im Wandel: Vom diagnostischen Spezialfach zum Akutfach

Verschlechterungen in der Ausbildung gefährden die Versorgungsqualität – Paradigmenwechsel in der Schlaganfallbehandlung

Statement Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Präsidentin der ÖGN; Vorständin der Neurologischen Abteilung, Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien; Gastprofessorin der Medizinischen Universität Wien

Ich freue mich, Sie wieder im Vorfeld unserer Jahrestagung begrüßen zu dürfen. Wie immer wollen wir diesen Anlass nutzen, um Sie über die bevorstehende Jahrestagung der ÖGN, aber auch über aktuelle Entwicklungen in unserem Fach zu informieren. Der Präsident der diesjährigen Tagung, Prim. Dr. Tim von Oertzen, wird Ihnen einiges über das Tagungsprogramm und besonders das Schwerpunktthema Epilepsie berichten. Zu den vielversprechenden neuen Ansätzen in der Neuro-Onkologie wird Ihnen Frau Dr. Wagner vom Kepleruniklinikum berichten.

Es gibt wenige Bereiche in der Medizin, in denen während der letzten beiden Jahrzehnte eine derart rasante Entwicklung stattgefunden hat wie in der Neurologie. Die wichtigste wird uns in vielfältiger Form quer durch die Tagung begleiten: Wie zahlreiche Vorträge und Sitzungen zeigen werden, hat sich die Neurologie in den letzten Jahren von einem rein diagnostischen Spezialfach in ein Akutversorgungsfach gewandelt. Das beste Beispiel dafür ist der Schlaganfall, wo wir dank vieler neuer Erkenntnisse und des in Österreich vorbildlichen Stroke-Unit-Netzwerks, erhebliche Fortschritte erzielen konnten.

Natürlich braucht es in einer perfekten neurologischen Versorgungskette gut funktionierende Schnittstellen. Das fängt bei der Laieninformation über das richtige Verhalten im Akutfall an, geht über ein Grundverständnis bei Allgemeinmedizinern und einem erweiterten Basiswissen bei anderen Fachärzten wie beispielsweise Augenärzten oder Chirurgen. Weniger neurologische Grundausbildung für Allgemeinmediziner

Leider ist dieses wichtige Zusammenspiel gefährdet. Mit der 2015 in Kraft getretenen Ärzteausbildungsordnung wurde die Neurologie in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner als Pflichtfach abgeschafft. Seither kann das alltagsrelevante Fach Neurologie vom angehenden Allgemeinmediziner nur mehr als Wahlfach gewählt werden. Wir haben mehrfach vor gefährlichen Wissenslücken der zukünftigen Ärzteschaft gewarnt – und sehen unsere Befürchtungen leider zunehmend bestätigt. Die Erfahrungen zeigen uns, dass angehende Allgemeinmediziner tatsächlich kaum mit der Neurologie in Berührung kommen.

Darauf müssen wir dringend reagieren. Wir brauchen eine Novelle zur Ausbildungsordnung, die sicherstellt, dass künftig wieder jeder Allgemeinmediziner neurologische Erfahrungen und Fertigkeiten vermittelt bekommt. Schließlich leiden bereits heute mehr Menschen an einer neurologischen Erkrankung als an Atemwegserkrankungen, gastrointestinalen Störungen oder Krebs. Neurointensivmedizin – quo vadis? Eine ähnliche Problemstellung haben wir auch in einem anderen Teilbereich des Faches. Wir sind zu Recht stolz darauf, dass es in Österreich sieben spezialisierte Intensivstationen mit insgesamt 60 Betten gibt, wo Patienten mit komplexen neurologischen Erkrankungen wie Status epilepticus, Meningoenzephalitis, Schädel-Hirntraumen, schweren Schlaganfällen oder auch schweren neuromuskulären Erkrankungen behandelt werden. Deshalb gab es mit gutem Grund seit 1994 die Zusatzausbildung „Neurointensivmedizin“. Für diese Spezialisierung in der Neurologie und Neurochirurgie wird nun im Rahmen der Ärzte-Ausbildungsordnung 2015 von Spitalsträgern und der Gesundheitspolitik kein Bedarf gesehen! Dies scheint pekuniäre und strukturelle Hintergründe zu haben und bewirkt längerfristig das Ende der Neurointensivstationen in Österreich. Das bedeutet einerseits eine massive Benachteiligung dieser schwerstkranken Patienten und gleichzeitig die Vernichtung von Expertise. Darüberhinaus fördert diese Vorgangsweise den „brain drain“ von Ärzten in die Nachbarländer, weil es dort sowohl die Spezialisierung als auch Neurointensivstationen weiterhin gibt.

In diesem Punkt müssen wir als Fachgesellschaft die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und der Politik heben, weil sonst bald ein unwiderbringlicher Rückschritt in der Versorgungsqualität von neurologischen Patienten in österreichischen Spitälern die Folge wäre.

Akutfach Neurologie

Neben der beschriebenen Schlaganfall-Akutversorgung zeigt sich im deutschsprachigen Raum seit Jahren die massiv zunehmende Aufgabe von Neurologen in zentralen Notaufnahmen der Spitäler: Patienten mit akuten neurologischen Symptomen machen im deutschsprachigen Raum etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten in den zentralen Notaufnahmen aus. Die Beobachtungsstudie eines niederösterreichischen Schwerpunktkrankenhauses zeigte, dass mehr als die Hälfte dieser Patienten mit neurologischen Leitsymptomen nicht mit der Rettung, sondern selbst bzw. mit Angehörigen in die Notaufnahme kamen.

Ähnlich wie in Deutschland werden mittlerweile in Österreich bis zu 90 Prozent aller stationären Patienten einer neurologischen Abteilung ungeplant als Notfälle aufgenommen. Es gibt grossen Druck zur Verkürzung der stationären Liegedauer, was bei den oft komplexen neurologischen Patienten nicht mit medizinischer Qualität vereinbar ist.

Die Akutversorgung der Neurologie findet fast ausschliesslich in Spitalsambulanzen rund um die Uhr statt, weil die Wartezeiten auf einen Facharzt-Termin im niedergelassenen Bereich wochenlang sind. Die Ansprüche an interdisziplinäre Diagnostik sind durch den rasanten medizinischen Fortschritt so angewachsen, dass eine neurologische Akutversorgung im niedergelassenen Bereich mit den realen Strukturen auch kaum machbar wäre. Somit müssen die Ressourcen der Spitäler mit diesem Trend mitwachsen, und auch die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses muss dieser Entwicklung Rechnung tragen.

Bei dieser Jahrestagung haben wir deshalb den Fachschwerpunkt „Akutneurologie“ gesetzt und auch mehrere Initiativen für Jung-Neurologen ins Leben gerufen. Wir verlangen von allen anderen medizinischen Sonderfächern, den Spitalsträgern und auch der Öffentlichkeit eine breitere Wertschätzung unserer akutmedizinischen Leistungen – auch abseits der Schlaganfallversorgung – die dann auch in erkennbaren Ressourcen ihren Ausdruck finden muss! Paradigmenwechsel in der Schlaganfallbehandlung

Wie groß der Bedarf an ständiger Nachjustierung der vorhandenen Strukturen ist, zeigt nicht zuletzt der bevorstehende Paradigmenwechsel in der Schlaganfallbehandlung. Mit der Thrombektomie, bei der Blutgerinnsel im Gehirn mechanisch entfernt werden, haben wir seit einigen Jahren die Möglichkeit, auch größere Gefäßverschlüsse zu entfernen. Bisher galt dabei die Maxime, dass eine erfolgreiche Behandlung nur in einem Zeitfenster von sechs bis acht Stunden nach dem Schlaganfall möglich sei.

Schlaganfall-Patienten auch noch nach 24 Stunden rettbar

Gleich zwei Studien belegen nun, dass eine solche Behandlung auch bis zu 24 Stunden nach dem Ereignis erfolgreich sein kann. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass wir die bildgebende Diagnostik erweitern: Während wir bisher nur sehen mussten, ob der für den Schlaganfall verantwortliche Thrombus in einem Bereich der Hirn­arterien sitzt, der mit dem Katheter erreicht werden kann, müssen wir bei sehr spät einsetzender Behandlung zusätzlich herausfinden, ob die betroffenen Gehirnteile noch zu retten oder bereits abgestorben sind.

In den USA haben diese neuen Erkenntnisse dazu geführt, dass das Zeitfenster für eine endovaskuläre Therapie in den Guidelines der American Heart Association bereits erweitert wurde. In Europas ist das noch nicht der Fall, aber es ist absehbar, dass es auch hier in diese Richtung gehen wird. Das wird die Zahl der Schlaganfallpatienten, die wir retten und denen wir ein Leben mit Behinderungen ersparen können, deutlich erhöhen.

Das ist erfreulich, zwingt uns aber nicht nur zu medizinischen, sondern auch technischen – und datenschutztechnischen – Anpassungen. Allerdings können heute noch nicht alle Patienten von der für solche Fälle zwingenden erweiterten Bildgebungsdiagnostik profitieren. Dem stehen zum Beispiel technische Hürden entgegen, Bilder von zwischen Bundesländern oder Krankenhausträgern auszutauschen. Wenn wir die neuen Chancen für unsere Patientinnen und Patienten nutzen wollen, müssen wir hier rechtzeitig für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen.

Quellen: Thrombektomie im Zeitfenster zwischen 6 und 24 Stunden: die DAWN-Studie, Springer Medizin InFo Neurologie (2018) 20: 15. https://doi.org/10.1007/s15005-018-2463-7; Thrombectomy for Stroke at 6 to 16 Hours with Selection by Perfusion Imaging. New England Journal of Medicine 2018; doi: 10.1056/NEJMoa1713973; ÖGN-Positionspapier (November 2016): Versorgung neurologischer Notfälle in der zentralen Notaufnahme; Bösl, Klein: Neurologie in der Notaufnahme, Nervenarzt 2017 · 88:585–586 DOI 10.1007/s00115-017-0340-0

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12.2. – Internationaler Tag der Epilepsie

Internationaler Tag der Epilepsie: Experten gegen Stigmatisierung und für eine optimale Versorgung – Aufklärung in Schulen – Bedeutung von Epilepsiezentren  

Am Internationalen Tag der Epilepsie am 12. Februar werben Experten für mehr Verständnis für die Erkrankung und eine optimale Betreuung der Betroffenen. Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie und die Österreichische Gesellschaft für Epileptologie informieren aus diesem Anlass über neue Herausforderungen in der Versorgung, Unterstützung für Schulen, Fortschritte in der Therapie, Behandlungserfolge mit speziellen Diäten und die Bedeutung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei seltenen Epilepsie-Formen.
Ganz im Zeichen der Aufklärung und breiten Information steht alljährlich der Welttag der Epilepsie am 12. Februar. Fachgesellschaften und Experten aus aller Welt mobilisieren aus diesem Anlass gegen Stigmatisierung und verbreitete Irrtümer über die Erkrankung und für eine optimale Versorgung Betroffener. Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und die Österreichische Gesellschaft für Epileptologie (ÖGfE) informieren aus diesem Anlass über Aufklärungsaktivitäten in Schulen, die Bedeutung von spezialisierten Epilepsiezentren sowie Fortschritte in Diagnostik und Therapie.
Die Epilepsie zählt weltweit zu den häufigsten schweren neurologischen Erkrankungen. Etwa zehn Prozent aller Menschen haben eine erhöhte Krampfbereitschaft, vier bis fünf Prozent der Bevölkerung erleiden einmal oder wenige Male in ihrem Leben epileptische Anfälle. Bei rund 0,5 bis 1 Prozent schließlich treten epileptische Anfälle wiederholt auf. „In Österreich gehen wir von bis zu 80.000 Betroffenen aus, zu denen jährlich etwa 3.000 Neuerkrankungen dazukommen“, so Univ.-Prof. Mag. Dr. Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie in Salzburg und Präsident Elect der ÖGN. „Erfreulicherweise kann heute vielen Epilepsiepatienten effizient geholfen werden. Die richtige Diagnostik und die Therapie vorausgesetzt, können wir bei bis zu zwei Drittel der Patientinnen und Patienten eine Anfallsfreiheit erreichen.“

Ausgrenzung oft schlimmer als die Krankheit selbst
Ein zentrales Anliegen, das die Experten zum Internationalen Epilepsie-Tag thematisieren: Betroffene sollen ein möglichst normales Leben führen können – und dies bereits in der Kindheit. In Österreich gibt es jährlich etwa 900 Schulanfängerinnen und -anfänger und insgesamt etwa 5.000 bis 6.000 Schulkinder mit Epilepsie. Für sie ist es besonders wichtig, wie die Umwelt mit ihrer Erkrankung umgeht: „Die Schule hat großen Einfluss darauf, wie gut es einem Kind gelingt, mit der Krankheit zurechtzukommen, im Klassenverband wie auch im späteren Berufs- und Privatleben“, so Primaria Priv.-Doz. Dr. Edda Haberlandt, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus Dornbirn und erste Vorsitzende der ÖGfE. „Hier ist immer noch Aufklärungsarbeit notwendig, denn leider bestehen zur Epilepsie nach wie vor zahlreiche Vorurteile und Irrtümer.“
Immer wieder berichten Eltern beispielsweise, dass Kinder mit Epilepsie – auch wenn sie gut behandelt sind – nicht an organisierten Freizeitaktivitäten teilnehmen dürfen oder zum Teil sogar aus dem Regelschulbetrieb ausgeschlossen werden.

Neues Gesetz hilft, dass Lehrer besser helfen können
Hier wurde kürzlich ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Situation erreicht. Bisher stellte in der Schule die Verabreichung von Notfallmedikamente im Bedarfsfall für Lehrerinnen und Lehrer eine rechtlich potenziell heikle Situation dar, denn bei allenfalls auftretenden Problemen wären sie persönlich zur Verantwortung gezogen worden. Seit einer Änderung des Amtshaftungsgesetzes im Vorjahr gilt das nicht mehr: Nunmehr haftet im Fall des Falles die Republik Österreich.
„Das ist ein bedeutsamer Fortschritt“, so Primaria Haberlandt. „Natürlich setzt die Behandlung von Notfällen durch Laien eine ausreichende Schulung und Erläuterung des Notfallmedikamentes voraus“. Um alle, die nun dank der Gesetzesänderung besser helfen können, optimal zu unterstützen, hat die ÖGfE eine Informationskampagne in Schulen gestartet. Gemeinsam mit Schulärzten sollen Lehrerinnen und Lehrer unter anderem vermehrt darüber aufgeklärt werden, dass nicht jeder Anfall einen Notfall bedeutet, wie Betroffene vor Verletzungen geschützt werden können und wann Notfallmedikamente verabreicht werden müssen. Für die erforderliche „Notfallprotokollierung“ werden den Schulen entsprechende Unterlagen zur Verfügung gestellt.

Fortschritte in der medikamentösen Behandlung
In den letzten zwei Jahrzehnten wurden zahlreiche Medikamente eingeführt, die für viele Betroffene deutliche Fortschritte gebracht haben. Dies gilt nicht zuletzt für speziell für Jugendliche zugelassen Wirkstoffe wie Brivaracetam oder Lacosamid. Für zahlreiche weitere Substanzen laufen aktuell weltweit Studien. Besonderes Interesse gilt dabei der Erforschung von Neurosteroiden wie Allopregnanolon oder Cannabidiol. Vor allem der nicht psychotrope Bestandteil der Cannabispflanze hat in einigen Untersuchungen bei Kindern mit seltenen Epilepsieformen vielversprechende Ergebnisse geliefert.

Simulierter Hunger gegen Anfälle
Bleibt die medikamentöse Therapie erfolglos oder ist mit zu hohen Nebenwirkungen verbunden, ist die ketogene Diät – vor allem für Kindern – eine inzwischen immer besser untersuchte Therapieoption. Dabei machen sich die Behandler einen körpereigenen Vorgang zunutze, dessen positive Wirkung gegen epileptische Anfälle zufällig erkannt wurde. Im Hungerzustand verbrennt der Körper Fett und setzt dabei sogenannte Ketonkörper frei, die aus bisher unbekannten Gründen Anfälle vermeiden helfen. Bei der ketogenen Diät wird dem Körper der Hungerzustand durch einen sehr hohen Fettgehalt – bei gleichzeitiger Reduktion der Kohlehydrate – in der Nahrung vorgegaukelt. „Damit können wir bei bestimmten Epilepsieformen bei Kindern eine deutliche Besserung und gelegentlich sogar Anfallsfreiheit erreichen“, erklärt Primaria Priv.-Doz. Dr. E. Haberlandt.
Untersucht ist das laut Expertin unter anderem bei Kindern, die an der seltenen Form der myoklonisch-atonischen Epilepsie, auch Doose-Syndrom genannt, litten. Die Kinder hatten im Schnitt bereits sechs verschiedene medikamentöse Therapien eingenommen, die aber allesamt weitere Anfälle nicht verhindern konnten. Nach durchschnittlich 18 Monaten mit einer leicht modifizierten, alltagstauglichen Form der fettreichen Diät hatte sich die Anfallshäufigkeit bei 83 Prozent um mindestens die Hälfte verringert, fast die Hälfte der untersuchten Kinder blieb sogar gänzlich anfallsfrei.

Neurochirurgie als wichtige Option
Bei bestimmten Formen der Erkrankung sind neurochirurgische Eingriffe eine wichtige Option. Dank der Fortschritte in der bildgebenden Diagnostik und den chirurgischen Techniken, können immer mehr Patienten mit immer besseren Langzeiteffekten operiert werden. Voraussetzung für dafür ist zum einen, dass die Anfallsursprungszone in keinem der sensiblen Gehirnteile liegt, zum anderen müssen diese winzigen Läsionen mithilfe von Neuro-Bildgebung erst entdeckt werden.
Wie eine internationale Studie, an der auch Prof. Trinka beteiligt war, zeigt, können mittels modernster Elektroenzephalografie und hochauflösender Kernspintomografie in 86 Prozent der Fälle zehn typische Hirnschädigungen identifiziert werden. Liegen diese klar abgrenzbar in einem zugänglichen Bereich der Großhirnrinde, ist die Operation nicht nur eine sichere, sondern auch sehr effiziente Option: Bis zu 80 Prozent der Kinder bleiben nach einem solchen Eingriff anfallsfrei. „Diagnostik und Behandlung solcher Fälle sollten unbedingt in einem spezialisierten Zentrum mit ausgewiesener Expertise erfolgen“, betont Prof. Trinka.

Zentralisierte Zusammenarbeit bei seltenen Krankheitsformen
Wie bei anderen neurologischen Erkrankungen gibt es auch bei der Epilepsie seltene und sehr seltene genetische Ursachen. Auch wenn diese in Summe einen großen Teil der Erkrankungen ausmachen, sind von den einzelnen Krankheitsformen jeweils nur sehr wenige Menschen betroffen. Prof. Trinka: „Durch die Fortschritte in der Genetik entstehen auch neue Herausforderungen in der Versorgungslage. Weil wir das immer besser verstehen, werden auch immer mehr genetische Abklärungen für solche Fälle nötig.“
Aufgrund der Seltenheit stellt jeder Einzelfall eine große diagnostische und therapeutische Herausforderung dar. Weil einzelnen Häuser die Ressourcen für eine Expertise für die Vielfalt seltener Epilepsien fehlen, fordern Experten eine Bündelung der Kräfte: „Für die Behandlung und weitere Erforschung dieser Erkrankungen braucht es eine Zentralisierung des Know-hows und eine auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit“, so Prof. Trinka. „Hier gibt es inzwischen eine Reihe EU-weiter Initiativen, in denen wir uns austauschen können“. So konnten etwa allein im vergangenen Jahr 24 europäische Referenznetzwerke inauguriert werden, die insgesamt 300 Krankenhäuser mit rund 900 Kliniken und Abteilungen umfassen. Darüber hinaus schlossen sich 27 europäische Zentren für seltene und komplexe Epilepsien im EpiCARE-Netzwerk zusammen.

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