Virtuelle 18. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN 2021) — 09.04. - 10.04.2021

Verleihung des 1. Karl-Vass-Multiple-Sklerose-Preises

Am 9. 12. 2020 fand die Verleihung des Karl-Vass-Multiple-Sklerose-Preises statt. Als 1. Preisträger wurde Dr. Gabriel Bsteh, PhD prämiert. An der Preisverleihung nahmen, coronakonform, der Präsident der Multiple-Sklerose-Forschungsgesellschaft, Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, Univ.-Prof. Dr. Hans Lassmann, Dr. Astrid Müller und Dr. Astrid Kaltenböck von Biogen teil.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc über die Verdienste von Univ.-Prof. Dr. Karl Vass:

„Der Forschungspreis wurde zu Ehren des 2012 verstorbenen Univ.-Prof. Dr. Karl Vass ins Leben gerufen. Karl Vass hat unvergessliche Verdienste um die MS in Österreich. Sein wissenschaftliches und klinisches professionelles Leben war mit enormer Expertise und der ihm so eigenen metaanalytisch kritischen Denkweise der Erforschung von MS, aber noch mehr den MS-Patient*innen gewidmet, die in ihm keinen besseren ärztlichen Berater und Wegbegleiter haben konnten. Karl Vass war daher in Österreich, u. a. als Präsident der Wiener MS-Gesellschaft, und international hoch angesehen. Um sein Wirken zu würdigen und fortzusetzen, hat die MS-Forschungsgesellschaft mit Unterstützung von Biogen den Karl-Vass-Preis ins Leben gerufen. Die MS-Forschungsgesellschaft wurde 1992 als gemeinnütziger Verein gegründet, um die Forschung zur MS in Österreich zu fördern und auszubauen. Das vorrangige Ziel der MS-Forschungsgesellschaft ist es, österreichweit neue Forschungsprojekte zur Entstehung, Diagnostik und Therapie der MS zu ermöglichen. Es wäre ganz im Sinne von Karl Vass gewesen, herausragende junge MS-Forscher*innen in Österreich zusätzlich mit einem Preis zu fördern.“

Dem Sponsor des Karl-Vass-Preises, die Firma Biogen Austria GmbH, ist gerade die Forschung in Österreich ein wichtiges Thema.
„Biogen forscht und entwickelt seit drei Jahrzehnten Therapien für MS-Patient*innen. Wir bieten heute fünf verschiedene in Österreich zugelassene Therapien für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Krankheitsstadien. Das ist nur möglich, weil wir kontinuierlich in Forschung investieren“, betont Dr. Astrid Müller, Geschäftsführerin von Biogen Österreich.

Biogen-Medical Director Dr. Astrid Kaltenböck: „Die Forschung muss auch lokal in Österreich passieren. Daher unterstützen wir aus tiefster Überzeugung den MS-Forschungspreis. Nur so können Innovationen und neue Therapien ermöglicht werden.“

Im Rahmen der Preisverleihung hielt Univ.-Prof. Dr. Hans Lassmann einen Vortrag über die aktuellen Entwicklungen der Multiple-Sklerose-(MS-)Forschung:

Die Kombination von Grundlagenforschung, klinisch translationaler Forschung und Therapiestudien auf dem Gebiet der entzündlichen Erkrankungen und speziell der MS haben in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte für die Patient*innen erzielt. Heute stehen zahlreiche Therapeutika zur Verfügung, die vor allem im frühen Stadium der Erkrankung den Krankheitsverlauf nahezu vollständig aufhalten können. Trotz dieser Erfolge sind wichtige Aspekte der MS-Pathogenese bislang ungeklärt. Dies betrifft einerseits die Frage nach den Ursachen der Erkrankung und andererseits nach den Mechanismen der Neurodegeneration und Progression im späteren Stadium der Erkrankung. Rezente epidemiologische Daten lieferten überzeugende Argumente für eine zentrale Rolle der Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) als primäre Ursache der chronischen Entzündung im Nervensystem. Ob die Entzündung durch die Präsenz und Persistenz von EBV im Nervensystem getrieben wird oder ob die EBV-Infektion Autoimmunreaktionen auslöst, steht gegenwärtig im Fokus mehrerer Forschungsprojekte. Der zweite Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit der Frage, wie die entzündliche Entmarkung in der frühen Phase der MS zu einer langsam progredienten Neurodegeneration führen kann. Erfahrungen aus den neuen Therapiestudien weisen darauf hin, dass eine effiziente Blockade der Entzündung im frühen Stadium der Erkrankung die Entwicklung der progredienten Phase der Erkrankung verhindern oder zumindest deutlich verlangsamen kann. Für die Frage, was man bei Patient*innen machen kann, wenn sich die Erkrankung bereits im progredienten Stadium befindet, gibt es bislang vorwiegend Daten aus der Grundlagenforschung, die noch nicht in klinischen Therapiestudien validiert werden konnten. Diese Daten weisen darauf hin, dass sowohl antientzündliche als auch neuroprotektive Therapien nur dann eine Chance haben, wenn die Therapeutika durch eine reparierte – und damit weitgehend intakte – Blut-Hirn-Schranke in das Nervensystem gelangen. Phase-II-Therapiestudien zeigen erste Erfolge mit entzündungshemmenden und/oder neuroprotektiven Therapien bei Patient*innen mit progredienter MS, deren Wirksamkeit ist bislang jedoch noch relativ gering und muss in Zukunft in aufwendigen Phase-III-Studien bewiesen werden.

Danksagung von Dr. Gabriel Bsteh, PhD

„Die MS umfasst ein sowohl intra- als auch interindividuell extrem variables Spektrum, sowohl in Bezug auf den objektiven Krankheitsverlauf und das Therapieansprechen als auch hinsichtlich der Wahrnehmung und des Umganges mit Folgen der Erkrankung. Daraus ergibt sich der dringende Bedarf nach einer ganzheitlichen und individuellen Diagnostik und Behandlung von MS-Patient*innen.

Meine Forschung dreht sich daher um verschiedene Aspekte einer individualisierten MS-Medizin. Zum einen untersuchten wir bereits die Rolle verschiedener klinischer und paraklinischer Faktoren für die Prognose von MS-Patient*innen, wie etwa sogenannte paroxysmale Erstsymptome oder verschiedene Persönlichkeitscharakteristika, Coping oder Risikoperzeption. Weiters konnten wir Prädiktoren des Outcomes nach Beendigung einer MS-Therapie und während bzw. nach einer Schwangerschaft identifizieren.

Zum anderen beschäftige ich mich mit den Möglichkeiten der retinalen Schichtdickenmessung mittels der optischen Kohärenztomografie (OCT) als Biomarker in der MS. Dabei konnten wir bisher zeigen, dass die retinale Schichtdicke bzw. deren Abnahme über die Zeit eine Aussage über die Wahrscheinlichkeit einer Zunahme der körperlichen oder kognitiven Behinderung in den folgenden Jahren erlaubt. Außerdem konnten wir bereits erste Hinweise finden, dass das Ausmaß dieser Schichtdickenabnahme sich auch als Marker des Therapieansprechens eignen könnte. Diese Ergebnisse belegen die OCT-basierte retinalen Schichtdickenmessung als einen Biomarker der neurodegenerativen Komponente der MS, der nun am Sprung zur Etablierung in der klinischen Routine steht.

Schließlich untersuchen wir die Bedeutung verschiedener Modalitäten der Sinnesfunktion Riechen und deren Assoziationen mit verschiedenen Aspekten der MS-Krankheitsaktivität. Bisher konnten wir in mehreren Studien konsistent darlegen, dass in Abhängigkeit entzündlicher Aktivität eine transiente und reversible Einschränkung der Geruchswahrnehmungsschwelle auftritt. Hingegen scheint es sich bei der Einschränkung der Geruchsdiskriminations- und Identifikationsfähigkeit um einen irreversiblen und langsam fortschreitenden Prozess zu handeln, der in enger Assoziation mit MS-assoziierter Neurodegeneration abläuft. Aufgrund dieser Ergebnisse und der einfachen Messbarkeit der Riechfunktion stellt diese einen vielversprechenden Biomarker zur Prognose bzw. Prädiktion entzündlicher Aktivität und Stratifizierung hinsichtlich MS-assoziierter Neurodegeneration dar.

Ich möchte mich herzlich bei der MS-Forschungsgesellschaft und der Firma Biogen für die Auszeichnung mit dem Karl-Vass-MS-Forschungspreis bedanken, der für mich gleichermaßen Ehre, Bestätigung und Ansporn für die Zukunft bedeutet.

Ein besonderer Dank gebührt an dieser Stelle meinem Mentor, Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, für seine stetige und geduldige Unterstützung und Förderung, ohne welche all dies nicht möglich gewesen wäre; Prof. Dr. Wolfgang Löscher, ohne den ich weder Neurologe noch Wissenschafter geworden wäre; den Teams der MS-Arbeitsgruppen Wien und Innsbruck für die immer konstruktive und angenehme Zusammenarbeit (besonders Priv.-Doz. Dr. Harald Hegen, dessen stets kritischer Input für mich von unschätzbarem Wert ist) und schließlich meinen Eltern, denen ich schlicht alles zu verdanken habe.“

 

 

Dr. med. univ. Gabriel Bsteh wurde am 11. April 1987 in Salzburg geboren. Von 2006 bis 2012 studierte er Humanmedizin an der Medizinischen Universität in Innsbruck. Seine Diplomarbeit handelte vom Thema „Outcome peripherer Nervenkompressionssyndrome“ und wurde von ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Löscher betreut. Von 2013 bis 2018 absolvierte Dr. Gabriel Bsteh sein Doktoratsstudium der klinischen Wissenschaften, Clinical-PhD-Programm „Clinical Neurosciences“, an der Medizinischen Universität Innsbruck unter der Betreuung von Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc.
Im Jahr 2015 absolvierte er einen Auslandsaufenthalt an der Universitätsklinik für Neurologie in Zürich und begann danach seine Facharztausbildung für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Werner Poewe. Seit Juni 2020 ist Dr. Bsteh Facharzt für Neurologie und als dieser an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc tätig.
Ebenfalls seit Juni 2020 gibt es eine Qualifizierungsvereinbarung zur Erlangung einer assoziierten Professur an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien.
Sein Spezialgebiet ist die Neuroimmunologie und die MS.