Virtuelle Schmerzakademie der ÖGN und ÖGPP - Modul 3 — 23.04. - 25.04.2021

FAQs für Menschen mit Epilepsie und deren Angehörige

Dr. Alexandra Rohracher und Univ.-Prof. Dr. Eugen Trinka haben die wichtigsten Fakten zusammengefasst.

Dr.
Alexandra Rohracher

Univ.-Prof. Dr.
Eugen Trinka

1. Haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Risiko eine COVID-19 Infektion zu erleiden?

Aktuell gibt es keine Hinweise dafür, dass Menschen mit Epilepsie im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein höheres Risiko haben, an einer COVID-19 Infektion zu erkranken.

Menschen mit Epilepsie, die unter Medikation anfallsfrei sind, oder unter seltenen Anfällen leiden, ohne dass weitere Begleiterkrankungen bestehen, haben kein erhöhtes Risiko.

Bei manchen Menschen ist die Epilepsie aber nur ein Merkmal eines klinischen Syndroms (Krankheitsbild, das durch eine Kombination verschiedener Symptome gekennzeichnet ist und oft mehrere Organsysteme betrifft) oder ist mit weiteren gesundheitlichen Einschränkungen verbunden. Diese Menschen können an zusätzlichen Erkrankungen leiden, die auch andere Organsysteme betreffen. Wenn diese Erkrankungen das Immunsystem betreffen, kann das Risiko einer Infektion erhöht sein. Das Infektionsrisiko ist bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem, älteren Menschen und jenen Menschen mit lange andauernden gesundheitlichen Beschwerden wie Diabetes, Tumorerkrankungen, Bluthochdruck oder chronischer Lungenerkrankung erhöht.

Menschen mit unkontrollierten Anfällen, besonders jene mit Anfällen, welche durch Fieber oder einen Infekt ausgelöst werden, können im Falle einer Infektion empfänglicher gegenüber Anfällen sein, wobei es diesbezüglich aktuell keine wissenschaftliche Bestätigung gibt. Das Wichtigste ist, sicherzustellen, dass Menschen mit Epilepsie ihre Medikation regelmäßig einnehmen und zusätzliche auslösende Faktoren wie Schlafmangel, Alkoholkonsum etc. vermeiden.

2. Haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Risiko, Komplikationen im Rahmen einer COVID-19 Infektion zu erleiden?

Jeder Mensch mit geschwächtem Immunsystem oder einer bestehenden medizinischen Beeinträchtigung kann ein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben. Das amerikanische Zentrum für Erkrankungskontrolle (US Centers for Disease Control and Prevention – CDC) hat Epilepsie in die Liste jener Erkrankungen aufgenommen, die das Risiko einer schweren COVID-19 Infektion erhöhen können, vermutlich da es sich um eine chronische neurologische Erkrankung handelt. Großbritannien hat Menschen mit chronischen neurologischen Erkrankungen als „Risikogruppe“ bewertet, ohne diesbezüglich speziell auf Epilepsie einzugehen. 

3. Erhöhen antiepileptische Medikamente das Infektionsrisiko für COVID-19, oder das Risiko für Komplikationen?

Nein – es gibt keine wissenschaftlichen Daten oder Hinweise dafür, dass die Einnahme von antiepileptischen Medikamenten das Infektionsrisiko oder die Gefahr von Komplikationen erhöht.

4. Können Anfälle bei Menschen mit Epilepsie im Falle einer COVID-19 Infektion schwerer verlaufen oder häufiger werden?

Die bisherigen Daten und Beobachtungen legen nahe, dass das Risiko einer Zunahme von Anfallshäufigkeit oder Schwere der Anfälle für die meisten Menschen mit Epilepsie gering ist. Im Allgemeinen kann jedoch jede Erkrankung bzw. Infektion, insbesondere jene, die mit Fieber einhergeht, zu einer Zunahme der Anfälle führen. Erkrankungen sind eine Belastung für den Körper und dieser Stress kann auch das Anfallsrisiko erhöhen.

5. Was kann ich machen, wenn ich denke, dass ich an COVID-19 erkrankt bin?

Rufen Sie Ihren behandelnden Arzt oder die Corona-Servicestelle Ihres Landes an, wenn Sie denken, Sie könnten an COVID-19 erkrankt sein. Die häufigsten Symptome einer COVID-19 Infektion sind Fieber und trockener Husten. Die meisten Menschen haben milde Symptome und können sich zu Hause erholen. Wenn Sie mit weiteren Personen zusammenleben, versuchen Sie, Kontakt zu diesen so gut es geht zu meiden. Alle im selben Haushalt lebenden Personen sollten für zwei Wochen (14 Tage) zu Hause bleiben um die Übertragung des Virus auf weitere Personen zu vermeiden. Wenn Sie eine der folgenden Beschwerden haben, suchen Sie sofort medizinische Hilfe auf:

• Schwierigkeiten zu atmen

• anhaltender Druck oder Schmerzen auf der Brust

• bläuliche Verfärbung von Lippen oder Gesicht

6. Wie kann ich antiepileptische Medikamente bekommen, wenn sie mir ausgehen?

Sie sollten, wie gewohnt, eine fortlaufende Verordnung für Ihre Medikamente beim Hausarzt oder im Krankenhaus erhalten. Es ist möglich, dass Ihr behandelnder Arzt eine länger gültige Verordnung als gewöhnlich ausstellt. Aktuell gibt es keine Hinweise dafür, dass es einen Engpass an antiepileptischen Medikamenten im Rahmen der aktuellen Pandemie gibt. 

7. Soll ich in eine Notfallambulanz kommen, wenn ich einen Anfall oder eine Anfallsserie habe?

Notaufnahmen können aktuell aufgrund von COVID-19 sehr stark ausgelastet sein und Menschen mit Symptomen von COVID-19 könnten sich im Wartebereich von Notaufnahmen aufhalten. Viele Notaufnahmen haben bereits getrennte Bereiche für Patienten mit Symptomen von COVID-19 und Patienten ohne diese Symptome eingerichtet. Dennoch wird geraten, den Besuch von Notaufnahmen, wenn möglich, zu meiden. Wenn Ihre Situation nicht lebensbedrohlich ist, Sie aber dennoch der Meinung sind, eine ärztliche Behandlung zu benötigen, kontaktieren Sie Ihren Arzt bzw. die Ordination vorab telefonisch. Es ist ratsam, mit Ihrem behandelnden Arzt genau zu besprechen, in welchen Situationen Sie die Notaufnahme aufsuchen müssen.

Einige Patienten haben ein Notfallmedikament zu Hause, und sollten genau darüber informiert sein, in welcher Situation sie dieses einnehmen sollen und wann Sie im Falle eines Versagens des Notfallmedikaments in die Notaufnahme kommen sollten.

Die meisten tonisch klonischen Anfälle (Anfälle mit Zuckungen am gesamten Körper) dauern 2-3 Minuten und benötigen keine Behandlung in der Notaufnahme oder im Krankenhaus.

Eine medizinische Behandlung im Krankenhaus ist notwendig, wenn:

• ein tonisch klonischer Anfall länger als 5 Minuten andauert oder mehrere Anfälle hintereinander auftreten und keine Notfallmedikation verfügbar ist

• bei Auftreten von Anfällen im Wasser (Baden, Schwimmen),

• wenn Anfälle von ungewöhnlich langen postiktalen (nach dem Anfall) Symptomen wie Verwirrtheit etc. gefolgt sind oder die Erholungsphase oder -dauer nach den Anfällen ungewöhnlich ist,

• wenn Sie sich durch den Anfall mögliche gefährliche Verletzungen zugezogen haben

8. Ich bin Teilnehmer an einer klinischen Studie und nehme ein Studienmedikament ein. Wie soll ich mich verhalten?

Sie sollten Ihr Studienmedikament weiterhin erhalten, auch wenn die Studienvisiten über Telefon oder Video abgehalten werden, und die Blutuntersuchungen, wenn notwendig, vor Ort bei Ihrem Hausarzt oder einem nahegelegenen Laborinstitut durchgeführt werden. Das Krankenhaus, das für Ihre Kontrollen im Rahmen der Studie zuständig ist, sollte notwendige Vorkehrungen mit Ihnen besprechen. Weiters ist es möglich, dass im Falle einer fortlaufenden Verordnung eine Zustellung des Studienmedikaments organisiert wird. Wenn Sie aus irgendeinem Grund im Krankenhaus aufgenommen werden müssen, stellen Sie sicher, dass die behandelnden Ärzte wissen, dass Sie ein Studienmedikament einnehmen.

9. Ich habe gelesen, dass einige Fiebersenkende Medikamente nicht sicher bzw. gefährlich sind, wenn ich eine COVID-19 Infektion habe. Stimmt das? 

Ibuprofen, Naproxen und andere nicht-steroidale Antirheumatika (NSARs) können Fieber senken, Schmerzen lindern und Entzündungen reduzieren. Ein anderes Medikament, Paracetamol kontrolliert Schmerzen und Fieber, allerdings ohne die Entzündungsreaktion zu beeinflussen. Obwohl es Hinweise dafür gibt, dass durch die Einnahme von nicht-steroidalen Antirheumatika das Risiko einer schweren Infektionen erhöht ist, kann dies von wissenschaftlicher Seite nicht bestätigt werden. Wenn Sie Fieber, Kopf- oder Gelenksschmerzen haben, können Sie eines dieser Medikamente einnehmen, solange Sie der Gebrauchsanweisung Folge leisten.

10. Was, wenn ich andere Fragen habe, die hier nicht behandelt wurden?

Rufen Sie ihren behandelnden Arzt an. Viele geplante Kontrolltermine wurden nicht gänzlich abgesagt, sondern werden stattdessen über Telefon oder Video abgehalten. Ihr Arzt oder seine KollegInnen sind weiterhin erreichbar und sollten Ihre Fragen telefonisch beantworten können.

Sie erhalten zudem weitere Informationen unter den unten angeführten Links.