53. MS-Zentrums-Treffen — 27.11.2020

COVID19 und Multiple Sklerose (MS)

Univ.-Prof. Dr.
Thomas Berger

Assoz.Prof. Priv.-Doz. Dr. Christian Enzinger

Die MS-Koordinatoren der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) haben angesichts der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie aktuelle Informationen und Empfehlungen zum MS-Management zusammengefasst.

Erfreulicherweise zeichnet sich hinsichtlich der SARS-CoV-2-Pandemie in Österreich eine gewisse Entspannung ab, wiewohl enorm viele Fragen noch offen und ungeklärt sind, deren Beantwortung uns vermutlich noch länger beschäftigen und unseren Alltag beanspruchen wird. Auch zu Fragen und Unklarheiten in der Betreuung und Behandlung von MS-PatientInnen haben sich in den letzten Wochen zunehmend Erkenntnisse ergeben, die in die hier zusammengefassten Empfehlungen eingeflossen sind. Es sei aber auch festgehalten, dass es unwahrscheinlich sein wird, in absehbarer Zeit Empfehlungen aussprechen zu können, die tatsächlich auf entsprechende Evidenz zurückgreifen (werden können). Eher wahrscheinlich ist, dass diese pragmatisch auf dem Konsens von Meinungen und lokalen Erkenntnissen basieren, die wir auch in enger und laufender Absprache mit internationalen Kolleginnen und Kollegen diskutieren.

Aufruf

In diesem Zusammenhang möchten wir auch unsere dringende Bitte wiederholen, uns zu MS-PatientInnen, die an COVID-19 erkrankt sind/waren, zu informieren (thomas.berger@meduniwien.ac.at oder chris.enzinger@medunigraz.at), weil wir damit insbesondere mit unseren Kol- leginnen und Kollegen in Italien und Spanien, die situationsbedingt bereits wesentliche diesbezügliche Erfahrungen gewinnen konnten, durch wachsende Fallzahlen entsprechende Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen für Öster- reich ableiten können.

Allgemeine Informationen 

  • Die Erkrankung MS ist grundsätzlich mit keinem erhöhten Infektionsrisiko verbunden.
  • Daher gelten für MS-PatientInnen ebenso wie für die Allgemeinbevölkerung die allgemein gültigen Schutz- und Vorsichtsnahmen (von Richtlinien zur Desinfektion, der sozialen Distanzierung bis zur Option des Teleworking/Homeoffice) zur Vermeidung einer COVID-19-Erkrankung.
  • Der Großteil der PatientInnen sind jüngere Erwachsene, die nach derzeitigem Wissensstand von SARS-CoV-2 weniger (stark) betroffen zu sein scheinen.
  • MS-PatientInnen können aber zu Personengruppen mit erhöhtem Infektionsrisiko bzw. Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs gehören (Tab. 1). Dies betrifft vor allem:
    • ältere PatientInnen (> 60 Jahre)
    • PatientInnen mit bestimmten vorbestehenden Begleiterkrankungen (beispielsweise Lungenerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumorerkrankungen)
    • PatientInnen, deren Behinderungsgrad eine deutliche Immobilität oder Bettlägerigkeit bedingt
    • PatientInnen, die wegen einer MS-spezifischen Therapie immunsupprimiert sind oder ein Risiko hierfür haben (siehe „Empfehlungen zu krankheitsmodifizierenden Therapien“)

Empfehlungen zum Management von MS-PatientInnen im Kontext der SARS-CoV-2 Pandemie:

  • Geplante Kontrollen in intra- und extramuralen MS-Zentren sollten in Abstimmung individueller Bedürfnisse/ Notwendigkeiten und unter Berücksichtigung aktueller Vorgaben seitens der Bundesregierung und lokaler Vorgehensweisen wieder in (vermutlich) begrenztem Umfang stattfinden.
  • Es wird aber vielerorts weiterhin sehr empfohlen, geplante Kontrollen, die keiner medizinischen Dringlichkeit unterliegen, möglichst telemedizinisch durchzuführen, beispielsweise telefonisch oder virtuell.
  • Ein akuter Krankheitsschub, dessen Diagnose trotz der gegenwärtigen Pandemie unverändert durch eine Neurologin/einen Neurologen zu stellen ist, soll ebenso unverändert mit der üblichen Standardtherapie mit hochdosiertem Methylprednisolon behandelt werden.

Empfehlungen zu krankheitsmodifizierenden Therapien (DMT) im Kontext der SARS-CoV-2-Pandemie

  • „Never change a winning team“ – Konzept für alle MS-PatientInnen, die unter aktueller DMT einen stabilen Krankheits- und Therapieverlauf haben: Es soll die aktuelle DMT in unveränderter Dosis, Frequenz und (nach Möglichkeit) üblichem Monitoring beibehalten werden.
  • Bei Anzeichen einer akuten Infektion sollte DMT zunächst nicht begonnen oder erneut durchgeführt und bis zum vollständigen Abklingen der Symptome verschoben werden.
  • Eine individuelle Risikoabschätzung zu Beginn oder Wechsel (inklusive „Eskalation“) einer Therapie ist wie üblich geboten. Unter speziellem Bedacht der gegenwärtigen Situation wird jedoch eine zusätzliche Berücksichtigung folgender Aspekte empfohlen:
    • Einbeziehung potenzieller Risikofaktoren einer Patientin/eines Patienten (Tab. 1)
    • Einbeziehung eines individuell erhöhten (kurzfristigen) Risikos einer Infektion durch die geplante DMT
    • Kleinere Studien und Einzelfallberichte deuten darauf hin, dass MS- (und auch andere) PatientInnen, die immunmodulierende bzw. -supprimierende Therapien erhalten, die keine oder nur eine milde Leukopenie/Lymphopenie verursachen, MÖGLICHERWEISE ein vermindertes Risiko eines schweren COVID-19-Verlaufs haben könnten. Die bisherige Datenlage ist allerdings zu limitiert, um daraus klare Empfehlungen ableiten zu können.
    • Hinweise bezüglich immunsuppressiver Wirkung, Laborkontrollen und temporärer Empfehlungen zu Beginn/Weiterführung von DMT bei MS im Kontext der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie wurden in Tabelle 2 zusammengefasst.

Weiterführende Informationen:

Neueste Entwicklung

Erste Zahlen aus Italien scheinen darauf hinzuweisen, dass schwere Covid-19-Verläufe im Kontext einer MS-Erkrankung nicht mit erhöhter Häufigkeit auftreten. Eine rezente Veröffentlichung der italienischen Studiengruppe zu Covid-19-Infektionen bei MS (Sormani MP et al, Lancet Neurol 2020, online publiziert am 29. April 2020) analysierte Daten von 232 MS-PatientInnen mit Symptomen und Anzeichen einer Covid-19-Infektion (mit und ohne PCR-Bestätigung). Davon hatten 223 (96 %) einen milden, 4 (2 %) einen schweren und 6 (3 %) einen kritischen Verlauf von Covid-19, wobei in letztgenannter Gruppe fünf verstarben. Mit aller Vorsicht scheint die Anzahl der schweren Verläufe/der Sterblichkeit durch eine MS-Erkrankung in dieser italienischen Beobachtungsserie nicht erhöht. Allerdings können diese Zahlen nur eingeschränkt mit anderen Ländern verglichen werden, da der Einsatz von Tests zum Nachweis von Covid-19-Infektionen erheblich unterschiedlich gehandhabt wird und es gilt, weiterführende Studien abzuwarten.