Download Radio Presskit zum ÖGN Pressegespräch vom 4.März 2026 unter www.o-ton.at
Prävention und Empathie werden neu definiert. Die Menschlichkeit rückt mehr denn je in den Mittelpunkt!
Gehirngesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für Lebensqualität, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Die Neurologie hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt – von der Akuttherapie des Schlaganfalls bis zu innovativen Behandlungsoptionen bei Multipler Sklerose, Myasthenie oder NMOSD (Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen). Gleichzeitig markieren Künstliche Intelligenz, Big Data und Hightech-Diagnostik einen Wendepunkt im Fach: Algorithmen analysieren Bilddaten, prognostizieren Risiken und unterstützen Therapieentscheidungen. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Wie verändert diese technologische Dynamik die ärztliche Rolle – und welche Bedeutung behalten Erfahrung, Verantwortung und Empathie in einer zunehmend digitalisierten Medizin?
Wien, 4. März 2026 – Das heutige Pressegespräch in Wien anlässlich der ÖGN-Jahrestagung 2026 in Villach unter dem Leitmotiv „Neurologie zwischen Hightech und Empathie“ setzte sich mit den Fragen der Qualitätsverbesserung durch KI, mit der Bedeutung von Präventions- versus Reparaturmedizin und mit der zunehmend technisierten Versorgungsrealität auseinander.
Dazu Prim. Univ.-Prof. Dr. Jörg R. Weber, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und Vorstand der Neurologie im Klinikum Klagenfurt: „Die Neurologie bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation und ärztlicher Kernkompetenz. Der Anspruch ist klar: Fortschritt soll nicht nur Prozesse optimieren, sondern Prävention stärken, Versorgungsqualität erhöhen und den Menschen konsequent in den Mittelpunkt stellen. Die neuen Entwicklungen haben zweifelsohne das Potenzial, die Lebensqualität unzähliger Patient:innen nachhaltig zu verbessern.“
Digitalisierung als struktureller Paradigmenwechsel
Ärztliches und neurologisches Handeln steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Digitalisierung und Automatisierung verändern diagnostische und therapeutische Prozesse nachhaltig. Richtig eingesetzt und ärztlich validiert, wird KI entscheidende Fortschritte bringen – für Patient:innen, Ärzt:innen und nicht zuletzt für Kostenträger.
Österreich zählt zu den wenigen Ländern Europas mit einer umfassenden eHealth-Strategie, die 2024 vorgestellt wurde. Sie umfasst einen strukturierten digitalen Zugang zum Gesundheitssystem, den Ausbau telemedizinischer Versorgungsangebote über die Gesundheitstelematik-Infrastruktur (GTI) sowie den Aufbau qualitätsgesicherter Register mit Sekundärnutzung österreichischer Gesundheitsdaten. Ziel ist es, auf Basis realer nationaler Versorgungsdaten valide Evidenz zu generieren. In mehreren Bereichen übernimmt die Neurologie dabei eine Vorreiterrolle – insbesondere bei Telemedizin und Registerstrukturen.
KI-Systeme werden Neurolog:innen künftig bei Anamnese, Diagnostik und Bildanalyse unterstützen. Sie ermöglichen eine strukturierte und präzisere Informationsverarbeitung und eröffnen neue Möglichkeiten für Risikostratifizierung, Prognosemodelle und individualisierte Therapiestrategien.
Bei der Jahrestagung stellt Univ.-Prof. Dr. Roland Wiest, Universitätsinstitut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Inselspital Bern, aktuelle Machine-Learning-Modelle anhand neuroradiologischer Anwendungen vor. „Die Sorge um halluzinierende KI-Modelle ist berechtigt. Die Systeme funktionieren nicht ohne menschliche Kontrolle – aber die moderne Medizin wird künftig auch nicht mehr ohne KI auskommen“, so Prof. Wiest. Die Herausforderung bestehe darin, nichts Relevantes zu übersehen, zugleich aber keine klinisch irrelevanten oder nicht vorhandenen Befunde zu generieren.

Wie KI bereits konkret in der Versorgung eingesetzt wird, zeigt ein Beispiel aus der Steiermark: Auf Initiative der Universitätsklinik für Neurologie Graz unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger wurde gemeinsam mit der Neuroradiologie das KI-basierte Auswertetool RAPID-AI flächendeckend an allen neurologischen Abteilungen implementiert. Die Software analysiert MRT- und CCT-Daten automatisiert und ermöglicht Expert:innenteams am Zentrum rund um die Uhr eine rasche, standardisierte Entscheidungsgrundlage für eine Thrombektomie (Entfernung von Blutgerinnseln). So kann nach dem „Mismatch-Konzept“ beurteilt werden, welche Patient:innen von einer Wiedereröffnung eines verschlossenen Hirngefäßes profitieren und an ein Zentrum transferiert werden sollen.
Die technologische Entwicklung und die enorme Steigerung der Rechenleistung bilden zudem die Grundlage für neue Therapieansätze bei neuroimmunologischen Erkrankungen – etwa durch gentechnisch veränderte Immunzellen oder bispezifische Antikörper. Erste praktische Erfahrungen mit diesen innovativen Strategien diskutiert Univ.-Prof. Dr. Sven Meuth, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster.
Die enorme Krankheitslast bedeutet auch eine große gesellschaftliche Verantwortung. „Schlaganfall, Demenz und Gehirnhautentzündungen haben erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Angehörigen und stellen sowohl die Gesellschaft als auch unser Gesundheitssystem vor große Herausforderungen“, betont Prof. Weber.
Weltweit sind neurologische Erkrankungen die Hauptursache für mit Behinderung verbrachte Lebensjahre und verursachen die höchste Zahl an DALYs (behinderungsadjustierten Lebensjahren), also verlorenen Lebensjahren durch krankheitsbedingte Behinderung oder vorzeitigen Tod.
In Österreich erleiden jährlich rund 20.000 Menschen einen Schlaganfall – statistisch gesehen alle 27 Minuten eine Person. Die Zahl der Menschen mit Demenz liegt in Österreich aktuell bei etwa 170.000, mit deutlich steigender Tendenz. Konkrete Daten zu den Kosten neurologischer Erkrankungen für das österreichische Gesundheitssystem sind derzeit nicht verfügbar. Allerdings wurde für die EU-27-Staaten sowie die Schweiz, Island und Norwegen eine jährliche finanzielle Belastung von rund 800 Milliarden Euro durch neurologische Erkrankungen ermittelt. Diese Summe übersteigt die Kosten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um das Dreifache.

Prävention: Das größte Potenzial der Neurologie
Wir wissen heute, dass mit entsprechender Lebensstilmodifikation bis zu 80 Prozent aller Schlaganfälle und bis zu 45 Prozent aller Demenzen verhindert bzw. verzögert werden können. Mit anderen Worten: Prävention ist möglich. Das ist eine enorme Chance für die öffentliche Gesundheit“, erklärt Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Julia Ferrari, Präsidentin elect der ÖGN und Leiterin der Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien.
Zu den zentralen Maßnahmen der Schlaganfallprävention zählen Nichtrauchen, mediterrane Ernährung, ausreichend körperliche Bewegung (zumindest 150 Minuten pro Woche), Gewichtskontrolle und geringer Alkoholkonsum – „Alkohol ist nun einmal ein Zellgift“, so Prim.a Ferrari – und es gilt zudem, gängige Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes optimal zu behandeln bzw. einzustellen.
Das Präventionspotenzial bei Demenz ist ebenso wie beim Schlaganfall erheblich: Ein aktueller Bericht der Lancet Commission (2024) unterscheidet dabei Präventionsansätze in drei Lebensphasen: Bildung im jüngeren Lebensalter, konsequente Behandlung klassischer vaskulärer Risikofaktoren, vor allem Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörung, sowie im mittleren und höheren Lebensalter frühzeitige Hörgeräteversorgung, Depressionsbehandlung und die Vermeidung sozialer Isolation.
Impfungen: Werden sie zur erfolgreichsten Neuroprävention?
„Fast vergessen und überschattet durch die Diskussion über die Covid-Impfungen ist der Erfolg von Impfen bei Gehirnhaut- und Gehirnentzündungen (Meningitis, Enzephalitis)“, betont Prof. Weber. In Österreich besonders hervorzuheben sind die FSME-Impfung und Impfungen gegen Haemophilus influenzae, Meningokokken und Pneumokokken. Diese Erkrankungen sind nicht zufällig sehr selten geworden, sondern klare Erfolge präventiver Medizin. Auch Masern-Enzephalitiden sind durch Impfung verhinderbar. Dennoch wurden in Europa im Jahr 2024 deutlich steigende Masernfallzahlen infolge unzureichender Durchimpfungsraten gemeldet. Neuerdings steht auch ein Impfstoff gegen die Gürtelrose (Herpes Zoster) zur Verfügung, der sowohl die Enzephalitis als auch kosmetisch problematische Gesichtslähmungen deutlich reduziert.
Erfolge der Impfungen sind messbar:
Gerade bei FSME sprechen die Zahlen für sich und Österreichs langjährig hohe FSME-Impfquote (TBE) ist international ein Referenzmodell: Neuere Auswertungen auf Basis nationaler Surveillance-/Hospitaldaten (2000–2024) zeigen, dass die Impfung Tausende Erkrankungen bzw. Hospitalisierungen verhindert und der Nutzen mit konsequenter Booster-Adhärenz (d. h. Einhaltung der empfohlenen Auffrischungsimpfungen) weiter steigt. Im Vergleich zu Nachbarländern mit weniger erfolgreichen Impfprogrammen erkrankt hierzulande nur ein Zehntel der Menschen, und schwere Verläufe sind selten.
In den vergangenen Jahren wurde jedoch in Europa – auch in Österreich – ähnlich wie bei den Masern eine Zunahme der FSME-Inzidenz berichtet, unter anderem im Zusammenhang mit Klima- und veränderten Expositionsfaktoren. Die klare Botschaft der ÖGN lautet daher: „Impfen bleibt essenziell, weil das Risiko real ist und wieder steigt“, so Prof. Weber.
Moderne Therapien bei Myasthenia gravis, Multipler Sklerose oder NMOSD greifen gezielt in das Immunsystem ein und erfordern daher ein strukturiertes Impfmanagement, um impfpräventable Infektionen zu verhindern. Mit der zunehmenden Anwendung immunmodulierender Behandlungen gewinnt Prävention weiter an Bedeutung: Ein durchdachtes Impfkonzept ist integraler Bestandteil moderner neurologischer Versorgung – mit dem Ziel, vermeidbare Infektionen und deren potenziell schwere neurologische Komplikationen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Inklusive Medizin & Empathie – bleibt der Mensch im Mittelpunkt?
Rund ein Viertel der neurologischen Patient:innen lebt mit einer dauerhaften Behinderung – doppelt so viele wie im Durchschnitt stationärer Patient:innen. Neben erworbenen Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson, Multipler Sklerose oder Querschnittlähmung benötigen auch Menschen mit angeborenen neuronalen Entwicklungsstörungen spezialisierte und langfristige Betreuung.
„Gerade in der Neurologie tragen wir besondere Verantwortung für Menschen mit komplexen und oft lebenslangen Behinderungen. Empathie ist keine weiche Zusatzqualifikation, sondern eine zentrale Dimension ärztlicher Qualität. Menschen mit Behinderung brauchen eine medizinische Heimat“, betont Univ.-Prof. Dr. Johannes Fellinger, Leiter des Klinischen Forschungsinstituts für Entwicklungsmedizin an der JKU Linz.
Neben neurologischer Expertise – etwa in der Behandlung von Epilepsie oder schmerzhafter Spastik – braucht es interdisziplinäre Strukturen, die Betroffene und ihre Familien in ihrer Lebensrealität ernst nehmen und die laut Prof. Fellinger fachübergreifend auch den häufigen zusätzlichen gesundheitsbezogenen Fragestellungen gerecht werden. Das Modell einer Ambulanz für Inklusive Medizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz zeigt, wie spezialisierte Versorgung für Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen gestaltet werden kann.
Ausgehend von Erfahrungen im Aufbau von Ambulanzen für Gehörlose konnte das Modell einer Ambulanz für Inklusive Medizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz realisiert werden. Dieses Arbeitsfeld mit Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen zeigt auch die Bedeutung der ärztlichen „Zentraldimension Empathie“.
Das neue Diplom Inklusive Medizin der ÖÄK (Österreichische Ärztekammer) bietet einen Qualifikationsweg auch für Neurolog:innen und unterstützt dadurch die Versorgung von Patient:innen mit komplexer neurologischer Behinderung.

„Die Neurologie 2026 steht damit für eine doppelte Verpflichtung: technologische Innovation konsequent zu nutzen und gleichzeitig Empathie, Teilhabe und Prävention als tragende Säulen einer modernen Gehirngesundheit zu stärken“, so Prof. Weber.
Sprecherinnen und Sprecher:
- Univ.-Prof. Dr. Christian Enzinger, MBA, FEAN ist Universitätsprofessor für Neurologie und Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Graz bzw. am Universitätsklinikum Graz. Von 2021 bis 2025 war er Vizerektor für Forschung und Internationales an der Medizinischen Universität Graz. Er ist Past-Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie.
- Univ.-Prof. Dr. Johannes Fellinger ist Facharzt für Neurologie und Neuropädiatrie sowie Leiter des Klinischen Forschungsinstituts für Entwicklungsmedizin an der Johannes Kepler Universität Linz. Zuvor gründete und leitete er am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz das Institut für Sinnes- und Sprachneurologie, das sich auf die medizinische Versorgung von Menschen mit Hör- und Mehrfachbehinderungen spezialisiert hat.
- Prim.a Priv.-Doz.in Dr.in Julia Ferrari ist Fachärztin für Neurologie und Vorständin der Abteilung für Neurologie, neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien. Sie ist Präsidentin elect der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie.
- Prim. Univ.-Prof. Dr. med. Jörg Weber ist Facharzt für Neurologie (Intensivmedizin) und Neurobiologie, Vorstand der Abteilung für Neurologie und stellvertretender Direktor im Klinikum Klagenfurt. Er ist aktuell der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Schlaganfall, Neurointensivmedizin, Neuroinfektiologie und Neuroimmunologie.
- Prof. Dr. med. Roland Wiest ist Professor für Advanced Neuroimaging an der Universität Bern sowie stellvertretender Institutsdirektor am Universitätsinstitut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie des Inselspitals Bern. Seit 2022 ist er zudem Medizinischer Direktor des Translationalen Bildgebungszentrums sitem-Insel (Ultrahochfeld-MRT).
