Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie nimmt eine zentrale Rolle in der evidenzbasierten (differenzial-)diagnostischen Abklärung, Einordnung und Mitgestaltung der Versorgung von Patient*innen mit PAIS ein und versteht sich als aktiver Partner in der Weiterentwicklung eines abgestuften, multidisziplinären Versorgungskonzeptes.
Die öffentliche und medizinische Diskussion über postakute Infektionssyndrome (PAIS), einschließlich Long COVID und myalgischer Enzephalomyelitis/chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS), hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Damit geht ein großer Druck auf das Gesundheitssystem sowie eine erhebliche Belastung für Betroffene und deren Angehörige einher. Als Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) sehen wir es als unsere Aufgabe, die Rolle der Neurologie in diesem komplexen Feld in Hinblick auf den aktuellen Status quo zu definieren und einen konstruktiven Beitrag zur Versorgungsdebatte auch im Lichte der „Brain Health Initiative“ zu leisten.
Bisherige Initiativen und Engagement der Neurologie
Die ÖGN hat die Entwicklungen rund um PAIS von Beginn an aktiv und gestaltend begleitet. Bereits bei der Erstellung der „S1-Leitlinie für das Management postviraler Zustände am Beispiel Post-COVID-19“ waren führende österreichische Neurolog*innen zentral beteiligt.1 Im April 2024 wurde ein interdisziplinäres Konsensus-Treffen unter Beteiligung zahlreicher Fachdisziplinen, Vertreter*innen des Gesundheitssystems und Betroffenenvertretungen initiiert, um eine wissenschaftliche Diskussion zu ermöglichen und eine Standortbestimmung vorzunehmen.2 Des Weiteren haben sich Mitglieder der ÖGN engagiert am nationalen Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen (PAIS) des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) beteiligt.3 In diesem Prozess wurden die neurologischen Standpunkte, basierend auf der aktuellen wissenschaftlichen Datenlage, eingebracht. Ziel der ÖGN war und ist es, die Debatte auf einer sachlichen, evidenzbasierten Ebene zu führen und sich von emotionalen Diskussionen abzugrenzen.
Rahmenbedingungen und Strukturen in Österreich
Abgestufte Versorgung
Der vom BMSGPK vorgelegte Aktionsplan zu PAIS skizziert eine sinnvolle und notwendige Strategie für die zukünftige Versorgung von Betroffenen. Die ÖGN unterstützt den darin vorgesehenen Ansatz einer abgestuften, multiprofessionellen Versorgung. Diese Struktur sieht vor, dass die Erstabklärung und Basisbetreuung im niedergelassenen Bereich, insbesondere in der Allgemeinmedizin, und bei neurologischen Symptomen bei Fachärzt*innen für Neurologie stattfindet. Von dort aus erfolgt bei Bedarf eine Zuweisung an dezentrale, interdisziplinäre Behandlungseinrichtungen der ambulanten Fachversorgung (Sekundärversorgung). Spezialisierte Versorgungseinheiten sollen schließlich für die Behandlung von besonders schweren oder komplexen Fällen sowie für die Forschung zur Verfügung stehen. Dieses Modell ermöglicht eine patientennahe Grundversorgung und stellt gleichzeitig sicher, dass spezialisierte Expertise dort zum Einsatz kommt, wo sie benötigt wird. Die Neurologie sieht ihre Rolle als integralen Bestandteil dieser Versorgungsstruktur.
Offene wissenschaftliche Fragen
Trotz intensiver Forschung und medialer Präsenz bestehen auf dem Gebiet der PAIS nach wie vor erhebliche wissenschaftliche Lücken:
- Fehlender Nachweis einer primär neuroimmunologischen Erkrankung: Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand gibt es keine ausreichende Evidenz, um PAIS oder ME/CFS als primär neuroimmunologische Erkrankung zu klassifizieren. Obwohl immunologische und inflammatorische Prozesse eine Rolle spielen, ist der Nachweis einer spezifischen, kausalen neuroimmunologischen Pathogenese bisher nicht erbracht worden. Auch die Bezeichnung „myalgische Enzephalomyelitis“ ist daher aus neurologischer Sicht wissenschaftlich nicht begründbar.
- Wenige evidenzbasierte spezifische Therapiemöglichkeiten: Aktuell existieren keine zugelassenen, kausal wirksamen und evidenzbasierten Therapien für PAIS oder ME/CFS. Die Behandlungsansätze sind daher primär symptomorientiert und zielen auf die Linderung der individuellen Beschwerden und die Verbesserung der Lebensqualität ab.
Diese wissenschaftlichen Unsicherheiten müssen offen kommuniziert werden, um falsche Erwartungen (insbesondere bei Betroffenen) zu vermeiden und die Forschungsanstrengungen auf die Klärung dieser fundamentalen Fragen zu lenken.
Multidisziplinäres Management: „Brain Health Initiative“
Die Symptome der PAIS sind vielfältig und betreffen zahlreiche Organsysteme. Sie umfassen neben neurologischen Beschwerden auch kardiologische, pulmonale, immunologische und psychiatrische Aspekte. Aus diesem Grund kann die Versorgung von PAIS-Betroffenen nicht die alleinige Aufgabe einer einzelnen Fachdisziplin sein. Im Einklang mit der von der ÖGN geförderten „Brain Health Initiative“, welche die Hirngesundheit in einem ganzheitlichen Kontext betrachtet, spricht sich die ÖGN klar für einen multidisziplinären Management-Ansatz aus. Die enge Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmedizin, Neurologie, Innerer Medizin, Kardiologie, Pneumologie, Immunologie, Psychiatrie sowie Gesundheits- und Sozialberufen (z. B. Ergo- und Physiotherapie, Psychologie, Sozialarbeit) ist entscheidend für eine erfolgreiche und patientenzentrierte Versorgung.
Unterstützung von Forschungsinitiativen
Die Schließung der oben genannten Wissenslücken ist von höchster Priorität. Die ÖGN unterstützt mit ihrer Expertise im Bedarfsfall wissenschaftliche Forschungsinitiativen zur Erforschung der Pathophysiologie, zur Entwicklung valider diagnostischer Biomarker und zur Erprobung wirksamer Therapien für PAIS. Wir sehen uns als Kooperationspartner für klinische Studien und fördern den wissenschaftlichen Austausch, um auf Basis neuer Erkenntnisse die Versorgung für Betroffene kontinuierlich zu verbessern (siehe Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen).
Definierte Aufgaben der Neurologie im Versorgungsprozess
Innerhalb der vorgeschlagenen abgestuften Versorgungsstruktur kommt der Neurologie eine klar definierte und wesentliche Rolle zu. Diese umfasst insbesondere:
- spezialisierte Differenzialdiagnostik: Die Kernaufgabe der Neurologie ist der Ausschluss oder die Bestätigung von behandelbaren neurologischen Erkrankungen, deren Symptome denen von PAIS ähneln können (z. B. Multiple Sklerose, akute disseminierte Enzephalomyelitis [ADEM], Myasthenia gravis, Small-Fiber-Neuropathien). Dies schützt Patient*innen vor Fehldiagnosen und stellt sicher, dass etablierte Therapien zur Anwendung kommen.
- Diagnostik und Management spezifischer neurologischer Syndrome: Für klar definierte neurologische Krankheitsbilder, die im Rahmen von PAIS gehäuft auftreten, ist die Neurologie die zuständige Fachdisziplin. Zentrale Beispiele sind das posturale Tachykardiesyndrom (POTS) und andere Störungen des autonomen Nervensystems. Die Abklärung mittels Kipptischuntersuchung und spezialisierten autonomen Funktionstests sowie das anschließende Management fallen in neurologische Kernkompetenzen und erfolgen im Rahmen existierender Empfehlungen und Leitlinien.
- Durchführung spezifischer Zusatzdiagnostik: Im Rahmen der interdisziplinären Abklärung stellt die Neurologie essenzielle diagnostische Verfahren wie die Elektroneurografie (ENG), das Elektroenzephalogramm (EEG), die Messung evozierter Potenziale oder den Nervenultraschall zur Verfügung.
Fazit
Die ÖGN bekennt sich zu ihrer Verantwortung in der (differenzial-)diagnostischen Abklärung und Versorgung von Patient*innen mit PAIS. Die ÖGN steht für eine sachliche, auf wissenschaftlicher Evidenz basierende Auseinandersetzung mit dem Thema und unterstützt den im nationalen Aktionsplan skizzierten Weg einer abgestuften, multidisziplinären Versorgung. Die Rolle der Neurologie sehen wir dabei klar in der spezialisierten Differenzialdiagnostik und im Management spezifischer neurologischer Krankheitsbilder, um so einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität Betroffener zu leisten.
Weiterführende Informationen zu Long COVID des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) finden Sie hier
Referenzen:
- Rabady S et al. S1 guidelines for the management of postviral conditions using the example of post-COVID-19. Wien Klin Wochenschr. 2023 Aug 9; 135(Suppl 4): 525–598. [Article in German]
- 1. Interdisziplinäres Konsensus-Treffen„Postvirale Zustandsbilder“ 2024.
- Aktionsplan zu postakuten Infektionssyndromen (PAIS)
