AG für Neurogene Dysphagie

Über die Arbeitsgruppe

Die Arbeitsgemeinschaft „Neurogene Dysphagie“ innerhalb der ÖGN adressiert Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen infolge neurologischer Erkrankungen und deren Bedeutung für betroffene Patient:innen sowie für Neurolog:innen in Klinik und Praxis.
Viele Fachärzt:innen für Neurologie sehen regelmäßig Patient:innen mit neurogener Dysphagie, andere seltener, sodass strukturierte, evidenzbasierte Konzepte für Assessment und Management einen hohen Stellenwert haben.
Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist es, das Bewusstsein für eine moderne, evidenzbasierte Versorgung von Patient:innen mit neurogener Dysphagie zu stärken – von der Früherkennung über die apparative Diagnostik bis hin zu Therapie und Verlaufssteuerung.
Im Vordergrund stehen die Reduktion dysphagieassoziierter Komplikationen sowie die Verbesserung der Lebensqualität und funktionalen Autonomie der Betroffenen.
Die Arbeitsgruppe unterstützt Neurolog:innen bei klinisch-praktischen Fragestellungen, stellt rezente Publikationen und praxisrelevante Informationen zur Verfügung und informiert über Qualifikationswege (insbesondere FEES‑Zertifizierungen) sowie über entsprechend zertifizierte Kolleg:innen.

Die Arbeitsgemeinschaft kann per Mail jederzeit erreicht werden.

Grundlagen
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Neurogene Dysphagien stellen ein zunehmendes Versorgungsproblem sowohl in der Akutneurologie (inklusive Stroke Unit und Intensivstation) als auch im rehabilitativen und ambulanten Setting dar.
International etabliert sich das Gebiet als eigenständiger, additiver Schwerpunkt innerhalb der Neurologie mit spezifischen diagnostischen und therapeutischen Kompetenzen.

Relevante Ätiologien umfassen u.a. ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle, Multiple Sklerose, Schädel-Hirn-Trauma, Myasthenia gravis sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson-Syndrome, ALS und Demenzen.
Die klinischen Konsequenzen reichen von Malnutrition und Aspirationspneumonie mit erhöhter Morbidität/Mortalität bis zu sozialer Isolation und affektiven Störungen.

Für Neurolog:innen sind fundierte Kenntnisse der physiologischen und pathophysiologischen Grundlagen der Schlucksteuerung, der klinischen Präsentationsformen bei unterschiedlichen Grunderkrankungen sowie der verfügbaren therapeutischen Optionen essenziell.
Das Management erfordert in der Regel eine interdisziplinäre Kooperation mit Logopädie, Atem‑, Ergo‑ und Physiotherapie sowie HNO, Radiologie, Innerer Medizin und Chirurgie.

Die Flexible Endoskopische Evaluierung des Schluckens (FEES) ist das zentrale apparative Verfahren zur Beurteilung von Schweregrad und Verlauf neurogener Dysphagien und eignet sich insbesondere auch für bedside‑Anwendungen im neurologischen Setting.

Sie ist in Neurologie, HNO und Logopädie etabliert und ermöglicht differenzierte Aussagen zu Penetration, Aspiration, Residuen und kompensatorischen Strategien.
Für Neurolog:innen ist der strukturierte Erwerb von FEES‑Kompetenzen über national und europäisch etablierte Curricula vorgesehen.
Das ESSD‑Curriculum umfasst u.a. einen akkreditierten Basiskurs, supervidierte praktische Untersuchungen, eine praktische Prüfung und die formale Anerkennung als FEES‑Anwender:in.

Um das offizielle Basis-Zertifikat der ÖGN und der assoziierten Gesellschaften zu erhalten, müssen die erforderlichen Ausbildungsinhalte nachgewiesen werden (Basiskurs, Falldokumentationen, theoretische und praktische Prüfung). Senden Sie dafür die Unterlagen gescannt als PDF an ag.neurogene_dysphagie@oegn.at.

Darauf aufbauend bietet der Weg zum FEES‑Instruktor:innen‑Zertifikat die Möglichkeit, selbst als Ausbildner:in und Prüfer:in tätig zu werden.

Bis zum 31.12.2026 besteht die Möglichkeit für bereits etablierte FEES-Untersucherinnen und -Untersucher, im Sinne einer Übergangsregelung  unter den gelisteten Voraussetzungen die Zertifikate unmittelbar zu beantragen.

FEES-Zertifikat:

  • Einarbeitungsnachweis in einer Einrichtung mit anerkannter FEES-Expertise,
  • 2 Jahre FEES-Erfahrung bei Patienten mit neurogener Dysphagie,
  • mindestens 200 durchgeführte Untersuchungen.

FEES-Ausbilder:

  • 5 Jahre FEES-Erfahrung bei Patienten mit neurogener Dysphagie,
  • mindestens 500 durchgeführte Untersuchungen,
  • Etablierung von klinikinternen Untersuchungsstandards,
  • interne Weiterbildung von Mitarbeitern,
  • Facharztbezeichnung.

Die Voraussetzungen für die Übergangsregelungen entsprechen den Empfehlungen der Originalpublikation zum FEES-Curriculum von Dziewas et al. Eine Bestätigung mittels Zeugnis der/des aktuellen oder ehemaligen Vorgesetzten, der ärztlichen Direktorin/des ärztlichen Direktors, einer fachkundigen Kollegin/eines fachkundigen Kollegen, der/die die Anforderungen bereits erfüllt. Der Nachweis muss Art, Dauer und Inhalt der Tätigkeit genau umschreiben.

Andere Verfahren

Weitere diagnostische Verfahren wie Videofluoroskopie (VFSS), FEESST (Fiberoptic Endoscopic Evaluation of Swallowing with Sensory Testing) sowie pharyngoösophageale und tracheale Manometrie ergänzen das Spektrum und sind insbesondere bei komplexen Fragestellungen oder therapierefraktären Verläufen relevant.
Die Interpretation dieser Untersuchungen profitiert maßgeblich von neurologischer Expertise und sollte in ein interdisziplinäres Gesamtkonzept eingebettet sein.

Die Grundlage der Behandlung bilden logopädisch/sprachtherapeutische und atemtherapeutische Interventionen, idealerweise in enger Abstimmung mit der neurologischen Behandlung der Grunderkrankung.
Neurolog:innen sollten potenziell dysphagieverschlechternde Medikamente (z.B. sedierende, anticholinerge oder neuromuskulär wirksame Substanzen) kritisch prüfen und die spezifische Pharmakotherapie (z.B. bei Parkinson, MG oder Motoneuronerkrankungen) optimieren.

Kognitive und aufmerksamkeitsfördernde Strategien – inklusive medikamentöser Optionen – können Adhärenz und Effektivität der dysphagiespezifischen Therapie deutlich verbessern.
Zusätzliche nicht‑pharmakologische Verfahren wie neuromuskuläre Elektrostimulation, repetitive transkranielle Magnetstimulation, transkranielle Gleichstromstimulation sowie pharyngeale Elektro‑Stimulation (PES) erweitern das therapeutische Spektrum.

Bei Patient:innen mit Trachealkanüle und schwerer neurogener Dysphagie ist ein strukturiertes Trachealkanülen‑Management mit klar definierten Weaning‑Protokollen erforderlich.
Die Planung der Dekanülierung, die Auswahl geeigneter Kanülentypen und die Festlegung von Monitoring‑Parametern sollten in enger Zusammenarbeit eines erfahrenen interdisziplinären Teams erfolgen.

Für Neurolog:innen ensteht hier ein Register FEES‑zertifizierter Kolleg:innen sowie ein Verzeichnis von FEES‑Instruktor:innen, das – nach Einwilligung – auch Kontaktdaten zur unkomplizierten Vernetzung und Ausbildungsplanung enthalten soll.
Dadurch soll der Zugang zu qualifizierter Diagnostik und strukturierter Weiterbildung im Bereich neurogener Dysphagien erleichtert werden.

Ergänzend ist auf dieser Seite vorgesehen, praxisorientierte Materialien wie Leitlinien, SOPs, Checklisten, Falldarstellungen und Kursinformationen als Download bzw. über externe Links anzubieten.
Eine kuratierte Literaturliste mit Leitlinien, systematischen Reviews und Schlüsselstudien unterstützt Neurolog:innen bei der vertieften Auseinandersetzung mit Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie neurogener Dysphagien und ist demnächst ebenfalls hier zu finden.