NeuroOnkologische Fragestellungen im Konsiliardienst — 08.11.2018

All posts by Tanja Weinhart

Europäischer Kopfschmerz- und Migränetag: Experten fordern bessere Versorgung

Durchbruch in der Migräne-Prophylaxe – Aufmerksamkeit für gefährliche Kopfschmerz-Formen


Presseaussendung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft zum Europäischen Kopfschmerz- und MigränetagDer 12. September ist der Europäische Kopfschmerz- und Migränetag. Kopfschmerzen und Migräne sind nicht nur die häufigsten neurologischen Leiden, sondern gehören auch zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen generell. Doch das Versorgungsnetz weist Defizite auf, betonen Experten der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und der Österreichischen Kopfschmerz-Gesellschaft. Für Patienten mit episodischer oder chronischer Migräne gibt es einen neuen Therapieansatz, ein erster Wirkstoff aus der Substanzgruppe ist jetzt auf den Markt gekommen. Kopfschmerzattacken können auch Warnsignale für gefährliche Erkrankungen sein. Im Alltag lassen sich Schlaganfall und Migräne nicht immer eindeutig voneinander unterscheiden.  Wien, 11. September 2018 – Am 12. September begehen zahlreiche Organisationen in ganz Europa den Europäischen Kopfschmerz- und Migränetag, um Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger auf diese besonders häufige und dennoch unterschätzte Gruppe von neurologischen Erkrankungen aufmerksam zu machen. Auch die Österreichische Gesellschaft für Neurologie und die Österreichische Kopfschmerzgesellschaft nutzen diesen Anlass, um auf die Bedeutung von akkurater Diagnostik und effektiver Therapie aufzuklären und auf Defizite in der Versorgung Betroffener hinzuweisen.

Weit verbreitet, häufig unterschätzt

„Daten der WHO zufolge sind Spannungskopfschmerz und Migräne die weltweit zweit- und dritthäufigsten Erkrankungen überhaupt“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Mag. Eugen Trinka,FRCP,Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie an der Christian Doppler Universitätsklinik Salzburg. Die „Global Burden of Neurological Disease“-Studie[1] liefert wichtige Informationen zur Dimension des Problems. Neurologische Erkrankungen insgesamt sind etwa für ein Zehntel der von Menschen in Krankheit und mit Einschränkungen und Beschwerden verbrachten und verlorenen Lebensjahre (DALY) verantwortlich. Prof. Trinka:Innerhalb dieser Gruppe wiederum nehmen Kopfschmerzen und Migräne die Spitzenplätze ein – noch vor Demenzerkrankungen. Spannungskopfschmerz als häufigste Kopfschmerzform belastet 1,5 Milliarden Menschen, an wiederkehrenden Migräne-Attacken leiden rund 986 Millionen Menschen weltweit. 58,5 Millionen Menschen haben Schmerzmittel-bedingte Kopfschmerzen, häufig aufgrund lang andauernder Selbstmedikation.“

Auch österreichische Daten zeigen, welches Problem chronische Kopfschmerzen darstellen:[2] So litten dieser Studie zufolge etwa 56,4 Prozent der befragten Patienten an episodischen Kopfschmerzattacken, 38,3 Prozent an chronischen Beschwerden.  Mit einem Anteil von 45,5 Prozent stellten Migränepatienten die größte Gruppe von Betroffenen dar.

Prof. Trinka: „Trotz dieser deutlichen Fakten bestehen gegenüber Kopfschmerzen erhebliche Vorurteile und Missverständnisse. Kopfschmerzen und Migräne werden häufig nicht als ernst zu nehmende chronisch wiederkehrende Erkrankung wahrgenommen. Sie bedürfen jedoch einer fundierten und möglichst früh einsetzenden Behandlung.“

Versorgungsnetz mit Lücken

Problematisch sei aber auch die Versorgungssituation, so der ÖGN-Präsident: „Was wir für diese große Zahl an Betroffenen brauchen, ist eine abgestufte und koordiniert funktionierende Versorgung der Kopfschmerz- und Migränepatienten, die von den Hausärzten als zumeist erste Ansprechpartner der Betroffenen über niedergelassene Neurologen bis hin zu einer ausreichenden Zahl spezialisierter Zentren reicht – wovon derzeit in Österreich allerdings nicht die Rede sein kann.“

Problematisch ist unter anderem das verbreitete Auseinanderklaffen zwischen Experten-Empfehlungen und der Praxis. So hat eine Erhebung in acht österreichischen Kopfschmerzzentren[3] gezeigt, dass viele Patienten vor der Überweisung in ein spezialisiertes Zentrum keine ausreichende Therapie erhalten haben. Triptane als spezifische Mittel zur Akuttherapie wurden nicht mehr als 6 Prozent der Erwachsenen mit Migräne verordnet.

Durchbruch in der Migräne-Prophylaxe: Antikörper gegen Attacken

Eine neue Wirkstoffklasse könnte die Lebensqualität für viele Menschen mit chronischer oder episodischer Migräne künftig entscheidend verbessern: In den vergangenen Jahren wurden vier monoklonale Antikörper entwickelt und in klinischen Studien untersucht, und zwar Erenumab, Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab.

Drei wirken als Antagonisten gegen das Protein Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) und einer gegen dessen Rezeptor. CGRP ist ein wichtiger Botenstoff, bestehend aus 37 Aminosäuren, der an der Schmerzweiterleitung beteiligt ist und zu erhöhter Schmerzempfindlichkeit führt. Er kommt während einer Migräneattacke verstärkt in Blut und Speichel vor und spielt eine gut belegte Rolle für das Entstehen der Beschwerden. Die Wirksamkeit und Sicherheit der vier monoklonalen Antikörper wurde und wird in vielen Studien untersucht, an einigen davon war auch die Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie beteiligt“, so Assoz.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Gregor Brössner, Präsident der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und Leiter der Ambulanz für Kopf- und Gesichtsschmerzen an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck.

Die STRIVE-Studie[4] attestiert beispielsweise Erenumab eine klare Überlegenheit gegenüber Placebo. Untersucht wurden 955 Patienten, die vor Beginn der Antiköpertherapie durchschnittlich 8,3 Migränetage pro Monat aushalten mussten. Der unter die Haut injizierte Wirkstoff vermochte die Attacken zwar nicht gänzlich zu verhindern, er konnte ihre Zahl jedoch deutlich senken, und zwar um 3,2 pro Monat in der 70-mg-Dosierung und um 3,7 pro Monat in der 140-mg-Dosierung. Die Placebogruppe verzeichnete einen Rückgang von nur 1,8 Tagen pro Monat. Für den CGRP-Antikörper Fremanezumab liegen ebenfalls Daten aus einer Phase-III-Studie mit 1.130 Patienten vor, die unter chronischer Migräne leiden.[5] Diese erhielten 675mg Fremanezumab subkutan vierteljährlich, monatlich oder ein Placebo. Die durchschnittliche Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage betrug bei quartalsweiser Gabe 4,3 Tage, bei monatlicher Gabe 4,6, bei Placebo 2,5 Tage.

Weniger Nebenwirkungen als klassische Migräne-Medikation

Die CGRP-Antikörpern weisen auch ein generell sehr günstiges Nebenwirkungsprofil auf, so Prof. Brössner: „Die neue Medikamentenklasse erspart Patienten jene Belastungen, die bei gängigen Prophylaxe-Mittel gegen episodische Migräne häufig auftreten, wie Gewichtszunahme,  Stimmungsschwankungen, Schwindel, Schläfrigkeit, Erschöpfung, ja sogar geistige Beeinträchtigung. Das wird zukünftig auch im Patientengespräch von großer Bedeutung sein und sich vermutlich positiv auf die Therapietreue auswirken.“ Eine wichtige künftige Fragestellung werde auch sein, wie man jene Migränepatienten erkennen kann, die am besten auf die neuen Therapien ansprechen. Der Wirkstoff Erenumab ist seit September 2018 auf dem österreichischen Markt erhältlich. Fremanezumab dürfte als nächste Substanz aus dieser Gruppe für Patienten verfügbar sein.

Gefährliche Kopfschmerzen: Wenn hinter Migräne ein Schlaganfall steckt

Anlässlich des Europäischen Kopfschmerz- und Migränetags soll auch Bewusstsein für seltene Kopfschmerzformen geschaffen werden, die ein Hinweis für schwere Erkrankungen sein können. „Hellhörig sollte man werden, wenn Menschen plötzlich über massive Kopfschmerzen klagen, die bisher von diesem Problem weitgehend verschont waren, oder wenn sich bei Patienten die bekannten Kopfschmerzen hinsichtlich Charakter, Intensität oder Frequenz verändern. Auch wenn der klinische Verlauf der Beschwerden atypisch wird oder zusätzlich neurologische Auffälligkeiten auftreten, sollte dies nicht auf die leichte Schulter genommen werden“, so Prim. Priv.-Doz. Dr. Nenad Mitrovic, Leiter der Abteilung für Neurologie am Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck und Vorsitzender der AG für Schmerz in der ÖGN. „All das können Warnsignale für sehr gefährliche Erkrankungen sein, darunter Schlaganfall, Meningitis, strukturelle Gehirnläsionen, wie vaskuläre Malformationen, Glioblastome oder andere Tumore, die sich hinter veränderten Kopfschmerzen und Migräne mit Aura verbergen können.“

Bei migräneähnlichen Attacken mit untypischem Verlauf ist zudem die Verwechslungsgefahr mit Schlaganfall möglich, denn die Symptome können ähnlich sein. Ein besonders plakatives Beispiel ist die Familiäre Hemiplegische Migräne, eine seltene, genetisch bedingte Form der Migräne, die mit motorischen Ausfällen und Bewusstseinsstörungen einhergeht und leicht als Schlaganfall interpretiert werden kann. Umgekehrt geht ein akuter Schlaganfall oft mit Kopfschmerzen einher und kann klinisch einer Migräne mit Aura ähneln.

Manche Krankheiten, die zu Kopfschmerzen und Schlaganfällen führen, können lebensbedrohliche Zustände hervorrufen, betont Prim. Mitrovic: „Dazu zählt etwa die Subarachnoidalblutung, eine spezielle Form des Schlaganfalls. Ihr Auftreten wird fast immer mit schlagartig einsetzenden, zerreißenden Kopfschmerzen charakterisiert, in der Regel occipital lokalisiert, und ist häufig mit neurologischen Ausfällen gekoppelt.“

Das reversible zerebrale Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) ist eine seltene Erkrankung, die ebenfalls Schlaganfälle nach sich ziehen kann. Es entsteht durch ein Zusammenziehen der Muskulatur der Hirngefäße und betrifft vor allem Frauen ab dem 40ten Lebensjahr. RCVS beginnt mit akut einsetzenden, stark ausgeprägten Kopfschmerzen, die innerhalb weniger Sekunden die volle Intensität erreichen. Mögliche Auslöser dieses Syndroms sind die Einnahme von Medikamenten wie SSRI, Triptane oder Ergotamine. Auch Drogen wie Cannabis, Kokain und Amphetamine können Auslöser sein. RCVS kann allerdings auch nach einer Entbindung auftreten.

„Insgesamt ist die Beziehung zwischen Kopfschmerz, Migräne und Schlaganfall sehr komplex“, so Prim. Mitrovic. „Sie können gleichzeitig ohne direkten Zusammenhang auftreten, es gibt aber auch zahlreiche Verbindungen zwischen diesen Krankheiten. Laut einer Metaanalyse ist bei Migränepatienten mit begleitender Aurasymptomatik von einem etwa zweifach erhöhten Risiko für ischämische Schlaganfälle auszugehen. Rauchen und die Einnahme der Pille erhöhen dieses Risiko nochmals deutlich.[6]

Die ausführlichen Expertenstatements sind unter www.bkkommunikation.com/de/presse-service/pressetexte/, Fotos von der Pressekonferenz ab etwa 12 Uhr unter www.bkkommunikation.com/de/presse-service/fotos/ zu finden.

Medienkontakt: Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung Dr. Birgit Kofler 06766368930 kofler[at]bkkommunikation.com Mag. Roland Bettschart 06766356775 bettschart[at]bkkommunikation.com


[1] Global, regional, and national burden of neurological disorders during 1990-2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet Neurol 2017 Nov;16(11):877-897. doi: 10.1016/S1474-4422(17)30299-5. Epub 2017 Sep 17. [2] Zebenholzer et al, Prevalence, management and burden of episodic and chronic headaches–a cross-sectional multicentre study in eight Austrian headache centres. J Headache Pain. 2015;16:531 [3] Zebenholzer K, Gall W, Wöber C. Triptan use and overuse in Austria – a survey based on nationwide sickness healthcare claims data. 18th Congress of the International Headache Society, Vancouver 2017 [4] Goadsby et al., N Engl J Med 2017; 377:2123-2132 [5] Silberstein et al., N Engl J Med 2017; 377:2113–2122 [6] Kurth T et al. Migraine and stroke: a complex asso­ciation with clinical implications. Lancet Neurol. 2012; 11:92–100
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Welt-MS-Tag – Verhinderung von Invalidität als Ziel

Welt-MS-Tag: Verhinderung von Invalidität als Ziel
Rund 12.500 Menschen in Österreich leiden an Multipler Sklerose. Für sie stehen immer mehr wirksame Therapien zur Verfügung. Eine effektive Behandlung in den ersten Phasen der Krankheit kann Patienten Invalidität ersparen und zahlt sich auch gesundheits- und gesamtökonomisch aus, betont die Österreichischen Gesellschaft für Neurologie aus Anlass des Welt-MS-Tages 2018 am 30. Mai.
Wien/Innsbruck, 30. Mai 2018 – In Österreich leiden rund 12.500 Menschen an Multipler Sklerose, weltweit sind es etwa 2,3 Millionen Betroffene. Immer mehr wirksame Therapien stehen heute zur Verfügung. Eine effektive Behandlung in den ersten Phasen der Krankheit kann Patientinnen und Patienten gefürchtete Invalidität ersparen und zahlt sich auch gesundheits- und gesamtökonomisch aus, betont Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, stellvertretender Klinikdirektor an der Neurologischen Universitätsklinik der MedUni Innsbruck und Koordinator für MS der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), aus Anlass des Welt-MS-Tages 2018 (30. Mai).
Die Multiple Sklerose ist die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter mit Risiko einer zukünftigen Behinderung. Vier Mal mehr Frauen als Männer entwickeln diese chronisch entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems. Bei etwa 85 bis 90 Prozent beginnt die Krankheit mit einem schubförmigen Verlauf. Es gibt aber auch Patienten, bei denen die Symptome von Anfang an ständig zunehmen (primär progredient). Ein erheblicher Anteil der Betroffenen, welche zunächst immer wieder akute Schübe entwickeln, würden, wenn Sie keine Therapie erhielten, später einen sekundär progredienten Verlauf mit ständigem Fortschreiten der bestehenden Symptome – vor allem Beeinträchtigung der Gehfähigkeit, die Behinderung und Invalidität bedeutet.
Immer wirksamere Behandlung
Während bis zur Mitte der 1990er-Jahre nur eine medikamentöse Therapie akuter MS-Schübe möglich war, hat sich die Situation seither deutlich gewandelt. Mit den ersten krankheitsmodifizierenden Therapien, z.B. Beta-Interferone oder dem Wirkstoff Glatirameracetat, ließ sich die Schubrate um etwa ein Drittel reduzieren. Monoklonale Antikörper und synthetische Wirkstoffe, welche gezielt in die Krankheitsabläufe der MS eingreifen, sind hinzugekommen. Die Wirksamkeit der Therapie hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erhöht.
„Heute zielen unsere Therapien darauf ab, akute MS-Schübe möglichst überhaupt zu vermeiden“, schilderte Prof. Berger die Fortschritte, welche in der jüngeren Vergangenheit gemacht worden sind. Bei optimaler Behandlung scheint dieses Ziel bereits bei 80 bis 85 Prozent der Patienten erreichbar zu sein. Das Konzept dahinter: Durch möglichst wirksame Unterdrückung der chronisch entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems sollen ein Fortschreiten und eine sich akkumulierende Invalidität verhindert werden.
Neue Therapien
In jüngerer Vergangenheit wurden in der EU zwei neue Medikamente und Behandlungsformen zugelassen, welche eine weitere Verbesserung bringen sollen. Prof. Berger: „Es handelt sich dabei um Cladribine zur Behandlung der aktivenvschubförmigen MS und um den monoklonalen Antikörper Ocrelizumab zur Therapie der aktiven schubförmigen, aber erstmals auch der von Beginn fortschreitenden Form der Multiplen Sklerose. Für diese Verlaufsform der MS stand bisher überhaupt keine medikamentöse Behandlung zur Verfügung.“
Cladribine wurde ursprünglich als Krebsmedikament entwickelt. Sein Einfluss auf das Immunsystem aber macht es in der MS-Therapie auf ganz neue Art einsetzbar. Prof. Berger: „Patienten werden damit in Tablettenform für 14 Tage behandelt. Dann folgt ein Jahr Pause, danach wird im zweiten Jahr noch einmal 14 Tage behandelt. Darauf folgt eine Nachbeobachtungsphase von zwei Jahren.“ Noch fehlen endgültige Befunde. Aber in einer klinischen Untersuchung mit 1.326 Patienten ließen sich bis zu 80 Prozent der Betroffenen schubfrei halten. In der Placebogruppe blieben rund 60 Prozent ohne Schub. Die jährliche Schubrate wurde damit etwa halbiert. Mittlerweile geht man davon aus, dass selbst vier Jahre nach Therapie noch eine Freiheit von akuten Krankheitsepisoden bei 50 Prozent der Betroffenen erreicht werden kann. Bei der zweiten neuen Therapie, die in der EU Anfang 2018 zugelassen wurde, handelt es sich um den monoklonalen Antikörper Ocrelizumab. „Das Arzneimittel wurde für die Behandlung der aktiven schubförmigen MS zugelassen, aber auch für Patienten mit früher primär chronisch progredienter MS. Hier gab es bisher gar keine Therapie“, sagte Prof. Berger. Der monoklonale Antikörper wirkt gezielt auf die B-Zellen des Immunsystems, welche an der Multiplen Sklerose beteiligt sind. Nach einer Erstanwendung erfolgt die weitere Therapie mit dem Medikament alle sechs Monate – jeweils per Infusion. In der für die Zulassung von Ocrelizumab für die Behandlung dieser Form der MS entscheidenden Studie zeigte sich über einen Zeitraum von zwölf bzw. 24 Wochen eine Reduktion des Fortschreitens von Behinderung bei einer solchen Therapie im Vergleich zur Gabe eines Placebos um etwa ein Viertel.
Positive Langzeiteffekte
Die neuen Behandlungsformen bedeuten für die Patienten vor allem eine bessere Lebensqualität über einen deutlich längeren Zeitraum ihres Lebens hinweg. Das ist an schon extrem wichtig. „Multiple Sklerose bedeutet, dass die Patienten mit dieser Diagnose bzw. Erkrankung bis zu 60 bis 70 Jahre leben müssen“, betonte der Neurologe. Deshalb kommt es auf die langfristigen Ergebnisse der Therapie an. Gerade auf diesem Gebiet zeigt daneben eine neue auch in Österreich durchgeführte wissenschaftliche Untersuchung von Berger und Co-Autoren, dass eine wirksame frühzeitig Behandlung der Multiplen Sklerose ökonomisch einen Vorteil bieten dürfte. Im Rahmen der Untersuchung wurden in 16 europäischen Staaten insgesamt rund 16.000 MS-Patienten bezüglich Gesundheitsstatus, Beschäftigung, Pflegebedarf, medizinischen Versorgungsaufwand, Lebensqualität und anderer Faktoren befragt. In der österreichischen Teilstudie, deren Ergebnisse im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, wurden die Angaben von 517 Patienten analysiert. Das mittlere Alter betrug 53 Jahre, 72 Prozent waren noch nicht im Pensionsalter.
Was sich in der Umfrage herausstellte:
  • In der Patientengruppe mit keiner oder nur schwacher Behinderung (EDSS-Wert 0-3,5) durch die MS-Erkrankung betrugen die Jahres-Gesamtkosten durch die Erkrankung (Ausgaben für Gesundheitsversorgung mit Arzneimitteln, Arztkonsultationen, Spitalsaufenthalte sowie die indirekten Kosten durch Krankenstand, Invalidität, Frühpensionierung etc.) rund 25.100 Euro.
  • Bei moderater Behinderung (EDSS 4 bis 6,5; bei 6,5 benötigt der Betroffene bereits Gehhilfen) stiegen die Jahreskosten auf 44.100 Euro an
  • Schwere bis schwerste Behinderung (EDSS 7 bis 9) ging mit einem Jahresaufwand von 73.800 Euro einher.
Während die Ausgaben für spezifisch gegen die MS wirkende Therapien in der ersten Gruppe (keine bis geringe Behinderung) pro Jahr und Patient 11.860 Euro betrug, waren es in der mittleren Gruppe im Durchschnit 9.222 Euro und bei den Patienten mit fortgeschrittenster Erkrankkung 2.779 Euro. Insgesamt schnellten die direkten gesundheitsbezogenen Ausgaben durch die MS pro Jahr von 18.358 in der Gruppe der kaum Belasteten auf 29.224 Euro bei den Personen mit moderater Behinderung und schließlich auf 55.107 Euro bei den am schwersten Betroffen hinauf. Langzeit-Krankenstände, Invaliditätsunterstützungen und Frühpensionierung (indirekte Kosten) versursachten pro Jahr und Person 6.735 Euro an Aufwendungen in der ersten Gruppe, 14.924 Euro an Kosten pro Person und Jahr in der Gruppe der moderat Betroffenen und 18.676 Euro Kosten in der Gruppe der am schwersten Betroffenen.
Für Prof. Berger sollte sich daraus sinnvollerweise eine Strategie ergeben, welche die Invalidität von MS-Patienten möglichst hinausschiebt oder gar verhindert: „Man könnte daraus folgern, dass eine intensive und wirksame Therapie in der Anfangs- und Frühphase eine Kostenexplosion in der Spätphase der Erkrankung verhindert.“ Das wäre – neben dem klaren persönlichen Vorteil für die Betroffenen selbst – auch ein gesundheits- und gesamtwirtschaftliches Argument für eine möglichst optimale Versorgung der Betroffenen.
Viel zu wenige MS-Patienten behalten ihre Beschäftigung
Freilich, hier müssen aber auch noch viele andere Aktivitäten gefördert werden, die MS-Patienten zugutekommen. So hat sich in der Umfrage herausgestellt, dass in ganz Europa – auch in Österreich – offenbar viel zu wenige Betroffene dazu in der Lage sind, weiterhin ihren Beruf auszuüben. „Sowohl in Österreich als auch in den anderen Staaten und egal in welchem Gesundheitssystem sind – auch bei einem nur leichten Behinderungsgrad (EDSS 3) -nur noch etwa 50 Prozent der MS-Patienten berufstätig“, sagt Prof. Berger. Die meisten der MS-Betroffenen würden darüber hinaus typischerweise an „Fatigue“ (krankheitsbedingte Ermüdbarkeit) und/oder kognitiven Problemen leiden. In Österreich besteht seit 2006 ein MS Therapieregister, in dem die Daten von mittlerweile über 4.000 Betroffenen enthalten sind. Es soll helfen, die Qualität der Behandlung – die Therapie mit den modernen MS-Medikamenten erfolgt nach entsprechender Diagnose und Indikationsstellung über rund 130 Zentren – zu sichern. „Diese Informationen sollte man gemeinsam mit den Kostenträgern nützen, damit jeder Patient die optimale, individuelle Behandlung bekommt und die Kosten weiterhin von den Krankenkassen bzw. den Spitälern übernommen werden“, betont der Experte.
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Welt-Parkinsontag am 11. April Viele Optionen für eine individuelle Therapie – Frühe Abklärung wichtig für die Lebensqualität

Presseaussendung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und der Österreichischen Parkinsongesellschaft zum Welt-Parkinsontag

Welt-Parkinsontag am 11. April

Viele Optionen für eine individuelle Therapie – Frühe Abklärung wichtig für die Lebensqualität

Eine breite Palette von Behandlungsoptionen – von wirksamen Medikamenten bis zu verschiedenen invasiven Verfahren – macht es heute möglich, die Symptome der Parkinson-Erkrankung wirksam zu lindern. Betroffene sollten möglich früh im Krankheitsverlauf den Rat eines Spezialisten suchen, um von einem raschen Behandlungsbeginn optimal zu profitieren, betonen die Österreichische Gesellschaft für Neurologie und die Österreichische Parkinsongesellschaft zum Welt-Parkinsontag am 11. April. Morbus Parkinson ist nicht nur eine Erkrankung des höheren Lebensalters, wie oft angenommen: Auch jüngere Menschen können an bestimmten Formen des neurologischen Leidens erkranken.

Wien, 10. April 2018 – Immer mehr Erkenntnisse über die Entstehung der Parkinson-Erkrankung, neue Ansätze in der Früherkennung, die Bedeutung eines frühen Behandlungsbeginns, um von den zahlreichen wirksamen Therapieoptionen profitieren zu können, und die Besonderheiten von erblichen Parkinson-Formen, die bereits im jüngeren Alter auftreten: Das sind einige der Themen, auf die aus Anlass des Welt-Parkinsontages die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) und die Österreichische Parkinson Gesellschaft (ÖPG) hinweisen. Der Welt Parkinson Tag erinnert jährlich am 11. April an den Geburtstag des britischen Arztes Dr. James Parkinson, der vor mehr als 200 Jahren erstmals unter der Bezeichnung Schüttellähmung (Paralysis agitans) jene Erkrankung beschrieb, die heute unter seinem Namen geläufig ist.

Breite Palette von Therapieoptionen fördert die Lebensqualität

Wir haben zwar nach wie vor keinen Behandlungsansatz, um die Parkinson-Erkrankung zu stoppen oder gar umzukehren. Aber wir verfügen über eine breite Palette von therapeutischen Optionen, mit deren Hilfe wir die motorischen und nichtmotorischen Krankheitssymptome in unterschiedlichen Stadien gut kontrollieren können,“ so Univ.-Prof. Dr. Eduard Auff (Wien), Präsident der Österreichischen Parkinson Gesellschaft. „Das reicht von zahlreichen sehr effektiven Medikamenten, die über unterschiedliche Wirkmechanismen an den Symptomen ansetzen, bis hin zu mehreren invasiven Verfahren wie der Tiefen Hirnstimulation und dem Einsatz von Computer-gesteuerten Pumpen, die Apomorphin subkutan oder L-Dopa kontinuierlich über eine PEG-Sonde durch die Bauchhaut in den Dünndarm liefern.“ Werden all diese Möglichkeiten optimal und im Sinne einer individuell angepassten Therapie genutzt, so Prof. Auff, dann könne ein sehr großer Teil der Betroffenen durch die effektive Kontrolle der Symptome über einen langen Zeitraum ein weitgehend unbehindertes Leben führen.

Morbus Parkinson gehört mit Alzheimer zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und betrifft rund zwei Prozent der Bevölkerung über 65. In Österreich gibt es aktuell mehr als 20.000 Parkinson-Patienten, in Europa rund 1,2 Millionen.

Krankheitsentstehung weitgehend entschlüsselt

Durchaus Hoffnung besteht unter Experten, dass in Zukunft neue Therapien nicht nur an Symptomen, sondern an den Krankheits-Ursachen selbst ansetzen könnten. Denn über diese werden von der Forschung immer mehr Details entschlüsselt. „Eine wesentliche Rolle in der Entstehung von Morbus Parkinson kommt dem Alpha-Synuclein zu, einer Eiweißsubstanz, die grundsätzlich auch bei gesunden Menschen vorkommt. Bei Parkinson-Patienten ist sie aber in fehlerhafter Weise gefaltet und in viel größeren Mengen vorhanden.“ Diese pathologischen Eiweißablagerungen finden sich nicht nur in Nervenzellen des Gehirns, sondern beispielsweise auch des Darms, der Haut oder der Speicheldrüsen. Erkrankte Nervenzellen können dann diese krankhaften Veränderungen im ganzen Nervensystem verbreiten.

Immer mehr Wissen gibt es auch über die sehr frühen Phasen von Morbus Parkinson, in denen die Erkrankung weitgehend „stumm“ verläuft, bevor typische Bewegungssymptome wie Zittern oder langsame und steife Bewegungen auftreten. In dieser Phase sterben jedoch bereits zahlreiche Nervenzellen ab. Zum Beispiel ist belegt, dass Traum-Schlaf-Verhaltensstörungen, bei denen aggressive Träume von unkontrollierten massiven Bewegungen begleitet sind, schon viele Jahre vor Beginn der typischen neurologischen Symptome einer Parkinsonerkrankung auftreten können. Als Früherkennungsinstrumente untersucht werden unter anderem Haut- und Darmbiopsien oder verschiedene moderne Verfahren des Neuroimaging wie PET. „Mit all diesen Möglichkeiten müssen wir sorgfältig umgehen, denn es ist auch ein ethisches Problem, eine Krankheit in einem frühen Vorläuferstadium zu identifizieren, wenn wir den Betroffenen keine kausale Behandlung anbieten können.“

Auch Jüngere können erkranken – Genetische Ursachen berücksichtigen

Morbus Parkinson wird vor allem als eine Erkrankung des höheren Alters wahrgenommen. Tatsächlich sind aber in bis zu zehn Prozent der Fälle jüngere Menschen betroffen, teils von bestimmten erblichen Formen von Parkinson. Inzwischen sind verschiedene Genorte und Gene identifiziert, die an diesen speziellen Formen beteiligt sind. „In dieser Patientengruppe müssen wir besondere Bedürfnisse wie den Wunsch, weiter am Arbeitsleben teilzunehmen oder familiäre Aufgaben erfüllen zu können, in der Therapieplanung speziell berücksichtigen“, so Prof. Auff.

Frühzeitig Hilfe bei Spezialisten holen

Nicht nur für jüngere, sondern für alle Parkinson-Patienten – oder Menschen, die mögliche Anzeichen an sich beobachten – gilt: Es sollte ehestmöglich eine Spezialistin oder ein Spezialist für neurologische Bewegungsstörungen aufgesucht werden. Dies nicht nur, um möglichst früh in den Genuss einer geeigneten Therapie zu kommen, so der Experte. „Es geht auch um eine möglichst rasche Abgrenzung von den zahlreichen Parkinson-ähnlichen Erkrankungen. Diese sprechen nämlich auf Parkinson-Medikamente nicht an, für eine korrekte Therapie ist also die Unterscheidung entscheidend.“

In Österreich bestehe eine sehr gut organisierte Versorgungskette, so Prof. Auff. „Von den Spezialambulanzen für Parkinson und niedergelassenen Neurologen bis zu den Hausärzten stehen auf allen Versorgungsstufen Anlaufstellen zur Verfügung, und die therapeutischen Möglichkeiten werden im Interesse der Betroffenen gut ausgeschöpft.“

Medienkontakt: B&K Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung Dr. Birgit Kofler 0676 6368930; 01 3194378 kofler@bkkommunikation.com
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