MS Akademie 2017 — 29.09. - 30.09.2017

World Brain Day 2017

„Schlaganfall wirksam vorbeugen, optimal behandeln“

Pressekonferenz zum Welttag des Gehirns, Wien, 18. Juli 2017

Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Grisold, OÄ Doz.in Dr.in Julia Ferrari


Im Zeichen der Vorbeugung und Behandlung des Schlaganfalles steht heuer der Welttag des Gehirns der Weltföderation für Neurologie am 22. Juli. 17 Millionen Menschen weltweit erleiden pro Jahr einen Schlaganfall, in Österreich sind es 24.000 – bei steigender Tendenz. Was die Akutbehandlung betrifft, ist die Versorgungslage in Österreich im internationalen Vergleich hervorragend, berichten Expertinnen und Experten. Weil 90 Prozent aller Schlaganfälle auf zehn modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen sind, müsse das Präventionspotenzial noch besser ausgeschöpft werden. Von der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde der Schlaganfall nach langer Diskussion jetzt als neurologische Erkrankung anerkannt. 

World Federation of Neurology – World Brain Day 2017  

Auf die beeindruckenden Fortschritte in der Therapie des Schlaganfalls, die in Österreich im Gegensatz zu anderen Ländern auch flächendeckend bei den Patienten ankommen, und auf das große Präventionspotenzial bei dieser Erkrankung weist die Österreichische Gesellschaft für Neurologie anlässlich des Welttages des Gehirns hin. Jährlich am 22. Juli macht die Weltföderation für Neurologie WFN auf ausgewählte neurologische Erkrankungen und die Bedeutung der Neurologie aufmerksam.


„Beim Thema Schlaganfall stehen wir vor einer paradoxen Situation. Auf der einen Seite gibt es kaum eine Krankheit, in der wir in den letzten eineinhalb Jahrzehnten so viele und wichtige Durchbrüche erreicht haben. Und dennoch gilt der Schlaganfall heute zu Recht als die Epidemie des 21. Jahrhunderts“, so Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), Vorständin der Neurologischen Abteilung am Krankenhaus Rudolfstiftung und Gastprofessorin der Medizinischen Universität Wien. 24.000 der jährlich weltweit fast 17 Millionen Betroffenen leben in Österreich. Die Tendenz ist schon aufgrund der demographischen Entwicklung steigend.


Der Welttag des Gehirns 2017 steht unter dem Motto „Schlaganfall – wirksam vorbeugen, optimal behandeln“. „Damit will die Weltföderation für Neurologie (WFN), in diesem Jahr in Partnerschaft mit der Welt-Schlaganfall-Organisation (WSO), nicht nur ein besseres Verständnis für diese schwere Krankheit schaffen, sondern auf globaler Ebene zur Reduktion der Todesfälle und Behinderungen beitragen“, so Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Grisold, Generalsekretär der Weltföderation für Neurologie, Wien/London.


Schlaganfall von der WHO als neurologische Erkrankung anerkannt


Angesichts der wachsenden Bedeutung hat auch die Weltgesundheitsorganisation ihre Sicht auf die Krankheit neu definiert. In der aktuell gültigen Version der International Classification of Diseases (ICD-10) ist der Schlaganfall noch den kardiovaskulären Erkrankungen zugeordnet. „Das ist historisch gewachsen und beruht auf inzwischen überholten medizinischen Konzepten der 1950er Jahre. So gab es bei der Festlegung 1955 so gut wie keine Therapieoptionen beim Schlaganfall. Dass selbst schwerste Fälle heute behandelbar sind, ist vor allem den Errungenschaften der Neurologie zu verdanken. Alle Symptome zerebrovaskulärer Erkrankungen stehen in einem Zusammenhang mit Funktionsstörungen des Gehirns“, betont Prof. Grisold. „Folgerichtig hat die WHO nach langen Diskussionen, den Empfehlungen der Experten der ‚Neurology Topic Advisory Group’ folgend, den Schlaganfall im vermutlich 2018 in Kraft tretenden ICD-11 den neurologischen Erkrankungen zugeordnet. Dass wir uns darüber freuen, hat praktische Gründe im Interesse unserer Patientinnen und Patienten. Diese Neuzuordnung beeinflusst die Ressourcenplanung und Finanzierung.“


Österreich mit vorbildlicher Versorgung


In Österreich kommen die Errungenschaften der modernen Schlaganfall-Behandlung bei der Mehrzahl der Patientinnen und Patienten an, sagt ÖGN-Präsidentin Fertl: „Wir können zu Recht auf unsere Versorgungsdaten stolz sein, die international empfohlene Standards erfüllen. Die Mehrheit aller Schlaganfall-Patienten wird in einer Stroke Unit behandelt, bis zu 25 Prozent werden mittels iv. Thrombolyse versorgt. Bis zu zehn Prozent der Betroffenen erhalten eine endovaskuläre Behandlung.“


Mit den 38 Stroke Units und den flächendeckend vorhandenen Interventionszentren für eine endovaskuläre Schlaganfallbehandlung verfügt Österreich über ein dichtes Netz an hochspezialisierter Versorgung für alle Betroffenen. Prim.a Fertl: „Damit stehen wir auch im internationalen Vergleich hervorragend da. Ein gesamteuropäischer Survey, der demnächst publiziert wird, zeigt, dass noch lange nicht alle europäischen Länder diese Versorgungsstandards erreicht haben.“


Auch massive Gehirnverschlüsse heute behandelbar


In der Behandlung des akuten Schlaganfalls gab es zuletzt wichtige Fortschritte. Weil die Thrombolyse bei Verschluss von großen Gehirngefäßen – das betrifft etwa 10 Prozent der Fälle – nicht ausreichend effektiv ist und genau dies ganz schwere Schlaganfälle verursacht, wird in solchen Fällen eine mechanische Thrombektomie durchgeführt. „Die technische und infrastrukturelle Entwicklung macht die endovaskuläre Schlaganfallbehandlung über Katheter möglich“, betont Prim.a Fertl. „Das ist ein vergleichsweise kleiner Eingriff, aber einer mit großer Wirkung: Viele Patientinnen und Patienten, die mit ernsthaften neurologischen Defiziten eingeliefert werden, zeigen sofort nach der Behandlung Verbesserungen und nicht wenige davon können bereits nach wenigen Tagen nach Hause gehen.“


Kombinationsbehandlung hilft auch noch Stunden nach dem Anfall

Eine umfangreiche Datenlage – mit sechs randomisierten Studien und einer Metaanalyse – belegt, dass die endovaskuläre Schlaganfallbehandlung ein sicheres und effektives Verfahren ist. „Wie neue Daten zeigen, werden wir in Zukunft wahrscheinlich noch mehr Betroffene retten und ihnen ein Leben mit schwerer Behinderung ersparen können“, so die ÖGN-Präsidentin. „Bisher gingen wir davon aus, dass eine endovaskuläre Schlaganfallbehandlung nur im Zeitfenster von weniger als sechs Stunden nach dem Ereignis erfolgversprechend ist. Nun hat aber die kürzlich präsentierte DAWN-Studie nachgewiesen, dass nahezu die Hälfte der Betroffenen einen länger als sechs Stunden zurückliegenden Schlaganfall dank einer Thrombektomie ohne gravierende Behinderung überstanden.“


„F.A.S.T“ handeln rettet Leben


Der Faktor Zeit spielt in der Behandlung von Schlaganfällen eine ganz entscheidende Rolle. Prof. Grisold: „Die WFN weist anlässlich des Welttages des Gehirns nochmals auf einen einfachen und für jeden Laien verständlichen Leitfaden hin, mit dem sich der Verdacht auf einen Schlaganfall leicht abklären lässt. Alles was jemand im Akutfall wissen muss, lässt sich in dem Begriff FAST – also dem englischen Wort für schnell – zusammenfassen.“


• F wie Face (Gesicht): Bitten Sie die Person zu lächeln! Hängt der Mundwinkel auf einer Seite herab?
• A wie Arm: Bitten Sie die Person, beide Arme zu heben! Ist ein Arm gelähmt und sinkt nach unten?


• S wie Sprache: Bitten Sie die Person, einen einfachen Satz zu wiederholen! Sind die Worte undeutlich? Kann sie den Satz korrekt wiederholen oder hat sie Schwierigkeiten ihn zu verstehen?



• T wie Time (Zeit): Wenn eines der oben genannten Symptome auftritt, ist Zeit ein wichtiger Faktor. Rufen Sie sofort die Rettung und fahren Sie ins Krankenhaus.
Schlaganfällen wirksam vorbeugen, erfolgreiche Risikokontrolle in der Nachbetreuung


„Auch wenn wir in der Akuttherapie von Schlaganfällen heute schon sehr erfolgreich sind, ist das kein ungetrübter Grund zur Freude. Denn ein erheblicher Anteil von Schlaganfällen wäre vermeidbar“, sagt OÄ Doz.in Dr.in Julia Ferrari, Abteilung für Neurologie, Neurologische Rehabilitation und Akutgeriatrie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien. Zehn Risikofaktoren, so hat die INTERSTROKE-Studie gezeigt, sind für 90 Prozent aller Schlaganfälle weltweit verantwortlich – nämlich Bluthochdruck, Bewegungsmangel, ungünstige Blutfettwerte, Ernährung, das Verhältnis von Taillen- und Hüftumfang, Rauchen, psychosoziale Faktoren, Alkohol, kardiale Erkrankungen und Diabetes.

Kein Rückgang bei zentralen Risikofaktoren feststellbar



Das österreichische „Stroke Unit Register“ ergibt bei den Risikofaktoren, die bei Schlaganfall-Patienten festgestellt wurden, folgendes Bild: 79 Prozent von ihnen hatten einen zu hohen Blutdruck. 54 Prozent wiesen ungünstige Blutfettwerte auf. Vorhofflimmern lag bei 26 Prozent vor, 18 Prozent waren Raucher.



Doz.in Ferrari: „Mit Ausnahme des Rauchens sind die genannten Risikofaktoren in den letzten Jahren nicht oder nicht wesentlich zurückgegangen. Auch wenn es zumindest teilweise plausible Erklärungen gibt – so wird Vorhofflimmern heute häufiger entdeckt und unsere Patienten werden zudem immer älter und multimorbider – muss man angesichts dieser Daten doch feststellen, dass wir die Aufklärungsarbeit sicher noch intensivieren müssen.“

Es gibt ein Bündel von Maßnahmen, die nachweislich dafür sorgen können, dass die Zahl der Schlaganfälle abnehmen kann. Dazu gehört eine bessere Früherkennung und Kontrolle von Bluthochdruck: Wie eine Metaanalyse zeigt, lässt sich das Schlaganfall-Risiko allein damit um 32 Prozent reduzieren. Wer Übergewicht abbaut, senkt auch den Blutdruck und damit auch das Schlaganfall-Risiko. Doz.in Ferrari: „Bessere Früherkennung und damit frühzeitige Behandlung beim immer noch zu selten erkannten Vorhofflimmern würde Menschenleben retten und Behinderungen ersparen. Ebenfalls sinnvoll wären ein umfassender Rauchstopp oder eine wirksame LDL-Kontrolle.“



Strukturierte Nachsorge hilft bei Lebensstilumstellung


Bemühungen zur Lebensstil-Umstellung würden auch für jene Personen gelten, die bereits einen Schlaganfall erlitten haben, so die Expertin. „Wie Studien zeigen, bringen strukturierte Betreuungsprogramme bei allen Krankheiten mit Lebensstilkomponenten deutliche Vorteile gegenüber der herkömmlichen Nachsorge. Im digitalen Zeitalter lassen sich solche Disease Management Programme besonders gut umsetzen.“ Das zeigt etwa eine australische Studie, in der Herz-Patienten vier Textnachrichten pro Woche über eine Handy-App erhielten, auf der sie auch ihre persönlichen Werte eintragen konnten. Nach sechs Monaten hatten diese Patienten nicht nur bessere Cholesterin- und Blutdruckwerte als die Vergleichsgruppe, sondern waren auch körperlich aktiver, hatten mehr Körpergewicht verloren und deutlich öfter mit dem Rauchen aufgehört. In eine ähnliche Richtung geht die aktuelle österreichische „Stroke Card“-Studie: Hier bekommen die Patienten des Nachsorgeprogramms einen link für eine personalisierte Internetseite, auf der sie laufend Blutdruckwerte, Bewegung, Tabakkonsum und Körpergewicht eintragen. In diesem Projekt soll wissenschaftlich nachgewiesen werden, dass durch eine strukturierte Nachsorge Rezidiv-Schlaganfälle und kardiovaskuläre Erkrankungen verhindert, sowie die Lebensqualität nach einem Schlaganfall verbessert werden kann.

Journalistenservice siehe B&K
Walter Struhal
Walter Struhal, website editor der ÖGN
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