ÖGN Facharztausbildungsseminar — 15.05. - 17.05.2017

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World Brain Day: Welttag des Gehirns im Zeichen von älter werdenden Gesellschaften: „Alter nicht als Last begreifen“

Statement Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Grisold, Generalsekretär der Weltföderation für Neurologie; Vorstand der Neurologischen Abteilung im Sozialmedizinischen Zentrum Süd, Wien

Die Weltföderation für Neurologie (WFN) hat den 22. Juli zum „Welttag des Gehirns“ erklärt. Das Thema dieses Jahres ist „The ageing brain“. Diese Initiative, an der sich auch die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) als Mitglied der WFN beteiligt, soll zu mehr Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Gehirn-Gesundheit und die Prävention oft unterschätzter neurologischer Erkrankungen beitragen. 2016 steht beim Welttag des Gehirns, der dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet, die Gehirngesundheit in älter werdenden Gesellschaften im Mittelpunkt.

Und das aus gutem Grund: Es steht fest, dass ein gesundes Gehirn einer der wichtigsten Faktoren für ein Leben älterer Menschen in Selbständigkeit und ohne Behinderung ist. Mit dem diesjährigen Welttag des Gehirns wollen wir auf die Bedeutung neurologischer Erkrankungen im Alter und ihrer angemessenen Behandlung hinweisen, aber auch für die Möglichkeiten der Prävention sensibilisieren – Prof. Schmidt hat ja bereits die entsprechenden Maßnahmen, die sich in Studien bewährt haben, beschrieben.

Ein besonders wichtiges Anliegen ist es, dass in Diskussionen über die demographische Entwicklung das Altern und ältere Menschen nicht immer nur als Last und als Kostenfaktor dargestellt werden. Hier müssen wir Neurologen als Anwälte der Interessen unserer Patientinnen und Patienten auftreten. Hinweise auf knapper werdende Gesundheitsbudgets können wir in diesem Zusammenhang nicht gelten lassen. Den Aufwand für die Betreuung, Therapie und Pflege unserer älteren Mitmenschen muss sich eine Gesellschaft einfach leisten. Die Fortschritte der modernen Neurologie können viel zu einer besseren Versorgung einer älter werdenden Bevölkerung beitragen.

Rehabilitation und Palliativ-Neurologie gewinnen an Bedeutung

Neben einer ausreichenden neurologischen Akutversorgung geht es auch um den weiteren Ausbau der Rehabilitationskapazitäten und der Möglichkeiten zur langfristigen Betreuung chronisch Kranker. Eine zunehmend wichtige Rolle wird dabei der noch vergleichsweise jungen Disziplin der Palliativmedizin zukommen. Oft wird darunter nur die Begleitung Sterbender (end of life) verstanden. Das Konzept der Palliativmedizin reicht aber viel weiter und kann auf die neurologischen Auswirkungen eines unheilbaren Krankheitszustands auch über längere Zeiträume eingehen und Behandlungskonzepte bieten. Wir müssen Ärzten und Ärztinnen in diesem Zusammenhang noch stärker vermitteln, dass sie auch dann erfolgreich sind, wenn sie zwar nicht heilen aber schwerkranken Patientinnen und Patienten ein Stück Lebensqualität zurückgegeben. Und es bedarf noch großer Anstrengungen, um die spezifische Forschung voranzutreiben und die gewonnenen Erkenntnisse in der klinischen Praxis umzusetzen.

Globale Ungleichheiten beseitigen

Die Gesundheitspolitik aller Länder wäre jedenfalls gut beraten, wenn sie der Neurologie die Priorität zukommen lässt, die der Bedeutung neurologischer Krankheiten entspricht. Die Möglichkeiten dafür sind allerdings weltweit höchst ungleich verteilt. Nach wie vor haben zu viele Menschen auf der ganzen Welt entweder keinen oder nur unzureichenden Zugang zu neurologischer Versorgung. Die Zahl der Krankenhausbetten pro 100.000 Einwohner, zum Beispiel, ist in den WHO-Regionen Afrika (0,23 pro 100.000) und Südostasien (0,28 pro 100.000) am niedrigsten. Die Zahl der öffentlichen Krankenhaus-Betten für Neurologie-Patienten ist in den Weltregionen mit niedrigem Einkommen im Vergleich zu jenen mit hohem Einkommen deutlich geringer.

Diese erschreckenden Ungleichheiten dürfen wir nicht hinnehmen. Insbesondere, wenn wir bedenken, dass bereits im Jahr 2025 rund 80 Prozent der älteren Bevölkerung in weniger entwickelten Weltregionen leben werden. Die WFN wird sich daher zukünftig noch vehementer für eine gerechtere Verteilung der globalen Ressourcen einsetzen.

Wissenstransfer und Fortbildung 

Ein weiteres wichtiges Ziel der WFN ist es, die Qualität der Neurologie weltweit zu fördern. Für eine hochwertige neurologische Versorgung ist eine gute Aus- und Weiterbildung notwendig. Die WFN finanziert eine Vielzahl von Unterstützungsmaßnahmen, wie Reisestipendien, internationale Kurse, Fortbildungszentren oder Zuschüsse für lokale Projekte (Grants).

Wir fördern auch Austauschprogramme, die jungen Neurologen aus Ländern mit niederem Einkommen den Besuch neurologischer Abteilungen in Europa ermöglicht. Sie werden dazu von den nationalen neurologischen Gesellschaften in der Türkei, Österreich und Norwegen eingeladen. Ähnliche Programme gibt es auch für Südamerika, wo der Neurologen-Nachwuchs zum Beispiel in Mexiko Erfahrungen sammeln kann. Ein besonderer Erfolg sind unsere Teaching Centres (TC) in Afrika. Zwei dieser Zentren gibt es bereits in Rabat und Kairo, in Dakar und Kapstadt sind zwei weitere im Aufbau. All das sind wichtige Impulse für die Gesundheitsversorgung in weniger privilegierten Teilen der Welt.

Unter www.wfneurology.org/world-brain-day-2016 stehen ab sofort Materialien und Videobotschaften von WFN-Experten zum Welttag des Gehirns zur Verfügung.

Lesen Sie mehr über den Welttag des Gehirns 2016 (World Brain Day)

Medienkontakt: B&K – Bettschart&Kofler Kommunikationsberatung, Dr. Birgit Kofler

+43-676-636 89 30; +43-1-319 43 78

kofler@bkkommunikation.com

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World Brain Day: Altersbedingte Hirnveränderungen: Wie sich kognitive Defizite vermeiden oder verzögern lassen

Statement Univ.-Prof. Dr. Reinhold Schmidt, Präsident Past der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Leiter der Klinischen Abteilung für Neurogeriatrie, 1. Stv. Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, Graz

Das Erreichen eines höheren oder hohen Alters wird gemeinhin oft mit Hinfälligkeit und Defiziten gleichgesetzt, insbesondere auch, was die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns betrifft. Doch die Annahme, Demenz sei eine unvermeidliche Folge des Alters, ist schlichtweg falsch: Die Hälfte der Menschen im Alter von 90 Jahren haben keine Gedächtnisstörungen. Im Detail zu verstehen, warum das so ist und welche Personen vor einem Abbau der kognitiven Leistungsfähigkeit eher geschützt sind als andere ist schon angesichts der demographischen Entwicklung ein wichtiges Ziel. Dies auch deshalb, weil solche Erkenntnisse die Basis für gezielte Prävention bieten können.

Wie andere Forschergruppen in aller Welt beschäftigen wir uns in Graz intensiv mit der Untersuchung von Faktoren, welche die Hirnalterung und ihre Folgen – wie eben den Abbau intellektueller Fähigkeiten – beeinflussen.

Epidemische“ Verbreitung von altersbedingten Veränderungen im Gehirn ab 60

Ein wichtiger Befund ist, dass durch Kleingefäßerkrankung bedingte Hirnveränderungen, aber auch Alzheimerpathologie, bei Personen über dem 60. Lebensjahr gehäuft auftreten. Bei mehr als 90 Prozent der Über-90jährigen sind altersbedingte Veränderungen der weißen Hirnmasse („white matter leasions“, WML) zu beobachten, in der Altersgruppe zwischen 45 und 75 Jahren immerhin auch schon bei 67 Prozent. Etwa die Hälfte aller 50jährigen weist Alzheimerpathologie in bestimmten Hirnarealen (entorhinale Hirnrinde) auf.

Studien mit moderner Neuro-Bildgebung zeigen ebenso wie pathologische Studien, dass im alternden Gehirn eine sehr komplexe Interaktion von degenerativen und vaskulären Prozessen stattfindet. Sie verstärken einander und potenzieren das Risiko für kognitiven Abbau, wenn sie gemeinsam auftreten. Finden sich beispielsweise im Gehirn zugleich Alzheimerpathologie und Infarktareale, ist das Demenzrisiko gegenüber Menschen ohne solche Veränderungen sechsfach erhöht. Bei einem gemeinsamen Vorliegen von Alzheimer-typischen pathologischen Veränderungen und Lewy-Körperchen (Lewy bodies, LB), also Einschlüssen im Gehirn, die typisch für die neurodegenerativen Prozesse bei Parkinson sind, um das zehnfache. Bei einer Vergesellschaftung von LB-Pathologie, Alzheimer-Pathologie und Infarkt schließlich steigt das Demenzrisiko auf das 16fache.

So verändert sich die Kognition mit dem Alter

Wenn derartige Läsionen im Gehirn derart häufig auftreten, ist die Frage, welche Auswirkungen sie auf die kognitiven Fähigkeiten haben, natürlich von besonderer Relevanz. Studien zeigen, dass es bis zum etwa 60. Lebensjahr diesbezüglich kaum Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Menschen gibt. Stärkere Funktionsverluste sind zwischen 75 und 80 Jahren zu erwarten, erst mit 90 Jahren erreicht der kognitive Funktionsverlust bis zu eine Standardabweichung von der Gehirnleistung junger Menschen. Die Standardabweichung ist eine statistische Messgröße, die beschreibt, wie weit ein Messwert im Durchschnitt vom Mittelwert entfernt ist. Dann aber geht es mit den Gehirnfunktionen nicht notwendigerweise weiter rapide bergab: etwa die Hälfte aller 81jährigen hält ihren Leistungsstandard über weitere sieben Jahre unverändert.

Kompensationsmeister Gehirn

Eine der vielen faszinierenden Fähigkeiten unseres Gehirnes ist die sogenannte „Kognitive Reserve“, das ist seine Kapazität, Schädigungen zu kompensieren und die klinischen Auswirkungen von Erkrankungen nach Möglichkeit zu minimieren. Wollen wir kognitive Abbauprozesse im höheren Lebensalter günstig therapeutisch beeinflussen oder ihnen überhaupt wirksam vorbeugen, dann ist es entscheidend, jene Faktoren zu entschlüsseln, die genau diese kognitive Reserve erhöhen oder vermindern. Hier haben Studien einige interessante Möglichkeiten herausgefiltert, wie sich das Gehirn kognitiv fit halten lässt.

Sozialkontakte, Bewegung, Spielen und Musizieren: So bleibt das Gehirn aktiv

So zeigt sich etwa, dass negativer Stress, Einsamkeit und Depression, einzeln und erst recht gemeinsam auftretend, ebenso negativ auf die Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten wirken wie vaskuläre Risikofaktoren (zum Beispiel Bluthochdruck, ungünstige Blutfett- und Blutzuckerwerte).

Wichtig ist es, das Gehirn mit neuen Reizen in Schwung zu halten. So verringert, wie eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie zeigt, das häufige Spielen von Brettspielen das Demenzrisiko um 74 Prozent, intensives Lesen um 35 Prozent, das Spielen eines Musikinstruments um 69 Prozent und das Lösen von Kreuzworträtseln um 41 Prozent.

Hochinteressant sind auch die Ergebnisse der „Religious Orders Study“, in der über mehr als 20 Jahre lang rund 1.100 Priester, Mönche und Nonnen untersucht wurden. Bei einem gleichen Ausmaß an Alzheimer-typischen pathologischen Veränderungen im Gehirn, bauen Menschen kaum kognitive Fähigkeiten ab, wenn sie in soziale Netzwerke eingebunden sind, während Personen ohne soziale Vernetzung in Abhängigkeit der Menge an Pathologie auch kognitive Verschlechterungen aufwiesen. Diese Zusammenhänge sind auch im Tierexperiment nachweisbar. Wer also kontaktfreudig und sozial aktiv bleibt, hat die besseren Karten.

Eine wichtige Rolle für die Gehirngesundheit spielen auch Bewegung und gezieltes kognitives Training. Mehrmals wöchentliches körperliches und kognitives Training im mittleren Lebensalter kann dazu beitragen, den Demenzbeginn im Alter zu verzögern. Bei gesunden älteren Menschen oder Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (mild cognitive impairment, MCI) – einem Stadium zwischen natürlichem Alterungsprozess und demenziellen Erkrankungen – sorgen regelmäßige physische Aktivität und kognitives Training für eine Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Ob sie in dieser Gruppe auch zu einer Verzögerung des Demenzbeginns beitragen können, ist nicht bewiesen bzw. umstritten.

Multimodaler Ansatz erlaubt Verbesserungen der kognitiven Funktion

Kontrollierte Interventionsstudien wie FINGER (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) zeigen ähnliche Faktoren auf: Eine multimodale Intervention bestehend aus Ernährungsempfehlungen, regelmäßiger Bewegung, kognitivem Training und einer engmaschigen Kontrolle von vaskulären Risikofaktoren erwies sich in dieser Untersuchung als effektiv, um die kognitive Funktion von Menschen mit einem hohen Demenzrisiko zu erhalten oder zu verbessern. 

In der MAPT-Studie (Multidomain Approach for Preventing Alzheimer’s Disease) wurde der Effekt von Omega-3-Fettsäuren, allein oder in Kombination mit Ernährungsberatung, Bewegung und kognitivem Training untersucht. Die Kombination aller genannten Elemente konnte den kognitiven Abbau bei älteren Personen verlangsamen, insbesondere bei Menschen mit MCI.

Die Pre-DIVA-Studie (Prevention of Dementia by Intensive Vascular Care) zeigte einen positiven Effekt einer engmaschigen Kontrolle und Behandlung vaskulärer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte, Diabetes, Übergewicht, Rauchen, verbunden mit körperlichem Training, auf das Entwickeln einer Demenz.

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World Brain Day: Steigende Lebenserwartung als Herausforderung für die Neurologie – Dichtes Versorgungsnetz in Österreich auch für die Zukunft sichern

Statement Prim.a Univ.-Doz.in Dr.in Elisabeth Fertl, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN); Vorständin der Neurologischen Abteilung am Krankenhaus Rudolfstiftung, Wien

Im Jahr 2035 werden rund drei Millionen Österreicherinnen und Österreicher über 60 Jahre alt sein. Das ist in Hinblick auf die steigende Lebenserwartung erfreulich. Allerdings müssen wir uns aber auch auf die unvermeidlichen Begleiterscheinungen dieser Entwicklung einstellen.

Bereits jetzt muss jede und jeder Dritte zumindest einmal im Leben eine Neurologin oder einen Neurologen konsultieren. In Europa leiden nach den Angaben des European Brain Council 220,7 Millionen Menschen, das entspricht der gemeinsamen Einwohnerzahl von Deutschland, Frankreich und Großbritannien, an zumindest einer neurologischen Erkrankung wie zum Beispiel Epilepsie, Multipler Sklerose oder Migräne. Damit liegt die Erkrankungsprävalenz höher als jene durch Atemwegserkrankungen, gastrointestinale Störungen oder Krebs.

All dies weist eine steigende Tendenz auf: Denn das Risiko für eine ganze Reihe von verbreiteten neurologischen Erkrankungen wie Demenz, Morbus Parkinson oder Schlaganfall steigt mit dem Alter an. Und die Altersgruppe der Über-60jährigen wächst nicht nur bei uns, sondern weltweit. Stellen die über 60jährigen heute mit 800 Millionen noch 12 Prozent der Weltbevölkerung, werden es im Jahr 2050 bereits 21 Prozent, also mehr als zwei Milliarden Menschen sein. Damit kommen enorme Herausforderungen auf die neurogeriatrische Versorgung und die Sozialsysteme zu.

Versorgung in Österreich vorbildhaft

Zum Glück ist Österreich, was das neurologische Versorgungsnetz betrifft, auch im internationalen Vergleich hervorragend aufgestellt. In Europa ist die Dichte an Neurologinnen und Neurologen im Verhältnis zur Bevölkerung je nach Land höchst unterschiedlich. In Österreich stehen insgesamt 970 Fachärztinnen und Fachärzte der Neurologie bzw. Fachärztinnen und Fachärzte für Neurologie/Psychiatrie zur Verfügung. Weniger als die Hälfte, nämlich 441 Neurologinnen und Neurologen, sind im niedergelassenen Bereich in Ordinationen tätig, davon allerdings nur 144 mit Kassenvertrag.

38 neurologische Akutabteilungen, alle auch mit Stroke Unit und für neurologische Notfälle jederzeit verfügbar, stellen die stationäre Versorgung sicher. Dazu kommen ein zunehmend dichteres Netz an neurologischen Rehabilitationszentren und auch andere Spezialeinrichtungen für die Nachsorge von Menschen mit chronischen Erkrankungen des Nervensystems.

Neue Herausforderungen

Das Beispiel der Schlaganfallbehandlung zeigt uns, dass wir dieses hervorragende Versorgungsangebot aber auch immer wieder den aktuellen Entwicklungen und Anforderungen anpassen müssen – eine in Zeiten knapper Ressourcen wahrliche „Herkules-Aufgabe“.

Österreich hat ein auch im internationalen Maßstab vorbildliches Netz von spezialisierten Schlaganfall-Überwachungs-Einheiten (Stroke Units). Wie auch internationale Studien zeigen, verbessern diese Spezialeinrichtungen die Versorgungsqualität enorm. Nun gibt es in der Schlaganfall-Therapie neben der intravenösen Thrombolyse, also der medikamentösen Auflösung von Gerinnseln, einen weiteren wichtigen Fortschritt, nämlich die Kombination von systemischer Thrombolyse plus mechanischer Gerinnsel-Entfernung (endovaskuläre Thrombektomie), bei der mittels Katheter der Thrombus aus dem Blutgefäß herausgezogen wird.

Bei zehn bis 15 Prozent aller Fälle, wenn ein großes Hirngefäß durch ein sehr langes Gerinnsel verstopft ist, funktioniert die Thrombolyse oft nur bedingt. Das betrifft in Österreich immerhin 2.000 Menschen jährlich. Mit der Kombination von Thrombektomie und Thrombolyse haben wir jetzt eine wirksame und sichere Methode zur Behandlung solcher Großgefäßverschlüssen zur Verfügung.

Die Überlegenheit der Thrombektomie bei ausgewählten Patientengruppen gegenüber der medikamentösen Standard-Therapie wurde jüngst in mehreren Studien und schließlich auch einer Meta-Analyse aller aktuellen Studien überzeugend belegt. Mehr als 60 Prozent der Behandelten überstehen den Schlaganfall aufgrund eines solchen Eingriffs ohne oder mit nur geringer Behinderung. Mittlerweile haben die relevanten europäischen Fachgesellschaften eine gemeinsame Therapieempfehlung dazu veröffentlicht, die auch von den zuständigen österreichischen Gesellschaften übernommen wurde.

Die erfolgreiche Durchführung von Thrombektomien stellt besondere organisatorische und personelle Anforderungen, vom Zeitfenster, in dem der Eingriff stattfinden muss, über die Wahl der geeigneten Instrumente und den richtigen Einsatz bildgebender Verfahren bis hin zur Nachsorge. Bislang können wir diese Methode an elf Stroke-Units mit Interventionsmöglichkeit anbieten. Es werden also weitere Anstrengungen nötig sein, um diese zusätzliche spitzenmedizinische Leistung flächendeckend in ganz Österreich, rund um die Uhr, sicherstellen zu können. Unter den bekannt schwierigen ökonomischen Rahmenbedingungen wird es nicht ganz einfach sein, diese Ressourcen zu schaffen. Letztlich muss sich die Gesellschaft hier der Frage stellen, ob sie sich eine optimale medizinische Versorgung, insbesondere auch ihrer älteren Mitglieder, leisten will.

Motivation für den Neurologennachwuchs

Handlungsbedarf gibt es, um eine gute neurologische Versorgung auch für die Zukunft sicherzustellen. Viele Neurologinnen und Neurologen werden in den kommenden zehn Jahren in Pension gehen. Es droht also eine Situation, in der weniger Fachärzte eine immer größer werdende Klientel betreuen müssen. Wir haben uns daher vorgenommen, die nachrückende Ärztegeneration verstärkt für unser interessantes und vielfältiges Fach zu begeistern. Unter anderem werden wir mit einer Informationsoffensive unter dem Motto „Neurologie – mein Fach!“ bereits Medizinstudenten ansprechen, um sie für eine neurologische Facharztausbildung motivieren. Das Vorbild jeder Neurologin und jedes Neurologen wird für die Berufswahl des Nachwuchses ebenso entscheidend sein.

Ressourcensparend und sicher

In manchen gesundheitspolitischen Diskussionen gewinnt man den Eindruck, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft Patientinnen und Patienten einfach durch den Scanner geschickt oder Krankheiten mit Internetalgorithmen diagnostizierbar sein werden. Dem ist entgegenzuhalten, dass gerade gut ausgebildete Fachärztinnen und -ärzte für Neurologie viel an Ressourcen sparen und gleichzeitig die Patientensicherheit gewährleisten: Wir können mit rein klinischen Methoden (Anamnese, neurologische Untersuchung) 80 bis 90 Prozent aller Probleme abklären. Diese Rolle der fachspezifischen menschlichen Hinwendung zum Patienten wird besonders in der älter werdenden Gesellschaft des 21. Jahrhunderts unersetzbar bleiben.

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